Bernstein – Lockenhaus – Rechnitz

Bernstein – Lockenhaus – Rechnitz

Kulturlandschaft bei Lebenbrunn

 

Bezirke Oberpullendorf und Oberwart; Seehöhe: 300–884 m

Landschaftsschutzgebiet Bernstein – Lockenhaus – Rechnitz: LGBl. Nr. 19/1972; Größe: 25 194 ha

Natura-2000-FFH-Gebiet Bernstein – Lockenhaus – Rechnitz: AT1108813; Größe: 24 623 ha

Naturpark Geschriebenstein – Írottkő (österr. Seite): Größe: 8481 ha

Naturschutzgebiet Gößbachgraben: LGBl. Nr. 45/1979, Größe: 9,26 ha

Naturschutzgebiet Galgenberg: LGBl. Nr. 24/1987, Größe: 9,25 ha

Naturschutzgebiet Trockenbiotop beim Friedhof in Rechnitz: LGBl. Nr. 16/1991, Größe: 2,86 ha

 

Zum Gebiet gehören die höchsten Erhebungen des Burgenlandes wie Geschriebenstein (884 m) und Großer Hirschenstein (862 m). Naturräumlich ist das Gebiet von großen geschlossenen Waldflächen geprägt. Selten dringen Siedlungen weit in die Waldlagen vor. Günstige Wuchsbedingungen ermöglichen die verbreitete Ausbildung von Eichen-Hainbuchenwäldern / Carpinion betuli, die vor allem in den oberen Lagen des Günser Berglandes in Buchen-Tannen-Fichtenwälder übergehen. In bewaldeten Talräumen kommen Schluchtwälder und schmale bachbegleitende Auwälder zur Ausbildung. An den Südhängen und über besonders flachgründigen Böden des Geschriebensteins sind kleinflächig xerophile Eichenwälder mit Flaum-Eiche / Quercus pubescens und Edelkastanie / Castanea sativa anzutreffen. Im Übergangsbereich zwischen Wald und ackerbaulich genutzten Flächen sind zwischen Rechnitz und Markt Neuhodis Streuobstwiesen und Reste einst beweideter Trockenrasen erhalten geblieben. Mesophile Wiesengesellschaften (Glatthaferwiesen / Arrhenatherion) sind vor allem im Bernsteiner Bergland weit verbreitet.

Geologisch gesehen ist die gesamte Region sehr interessant. Die Gesteine der Rechnitzer Einheit, die dem Penninikum zugerechnet wird, bestehen größtenteils aus marinen Sedimenten (Kalk-, Quarz-, Graphit- und Chloritphyllit, Serizitkalkschiefer und Quarzit), die vielfach mit Ophiolithen (Grünschiefer) verzahnt sind. Sie treten in Form geologischer Fenster auf, worunter man in der Geologie das Auftauchen des Grundgebirges versteht. Dazu gehören das Rechnitzer Fenster und das von unterostalpinen Schichten umgebene Bernsteiner Fenster mit den Serpentinitkörpern des Ochsenriegels, des Steinstückls und des Kienbergs (zwischen Redlschlag und Bernstein). Diese unterostalpinen Schichten werden von der tektonisch tieferen Wechseleinheit (Schiefer, Graphitkalzit) und der Grobgneiseinheit (Granitgneis, Hüllschiefer) aufgebaut.

Der im Rechnitzer Fenster in der Region auftretende Serpentinit bedingt eine besondere Vegetationsentwicklung. Auf den relativ flachgründigen und nährstoffarmen Böden wachsen vor allem Rotföhren-Wälder / Pinus sylvestris. Beispiele für die spezielle Serpentinflora oder für Serpentin-Endemiten sind Serpentin-Kartäuser-Nelke / Dianthus carthusianorum subsp. capillifrons, das Serpentin-Crantz-Fingerkraut / Potentilla crantzii var. serpentini oder der Serpentin-Streifenfarn / Asplenium cuneifolium. Weitere Besonderheiten stellen das Gösing-Täschelkraut / Noccaea goesingense, das die Fähigkeit zur verstärkten Magnesiumspeicherung besitzt, und das Österreichische Glatt-Brillenschötchen / Biscutella laevigata subsp. austriaca dar (Weinzettl 2010, Fischer 2010 c, Dillinger 2015).

Die vielseitige Flora spiegelt die Überschneidung kontinentaler, mediterraner, illyrischer und alpiner Florenelemente wieder. Es finden sich beispielsweise Wolfs-Eisenhut  / Aconitum lycoctonum, Weiß– und Schwarz-Germer / Veratrum album, V. nigrum, Diptam / Dictamnus albus sowie etliche Orchideen-Arten. Ebenfalls anzutreffen sind Raritäten wie Bunt-Schwertlilie / Iris variegata, Zwerg-Weichsel / Prunus fruticosa oder an felsigen Standorten Karpaten-Spierstrauch / Spiraea media. Eine reiche Flora beherbergen die Magerflächen bei Goberling, darunter Essig-Rose / Rosa gallica, Heilwurz / Seseli libanotis, Heide-Nelke / Dianthus deltoides, Kreuz-Enzian / Gentiana cruciata und Violett-Blauwürger / Phelipanche purpurea. Bemerkenswert sind auch das Gebiet Gmerk-Gatscher an der ungarischen Grenze mit Arten wie Rau-Alant / Inula hirta, Steinfingerkraut / Drymocallis rupestris und Zierlich-Nelkenhafer / Aira elegantissima sowie der Trockenbiotop beim Friedhof Rechnitz mit einer beachtlichen Population von Klein-Hundswurz / Anacamptis morio (Fally 2010).

Das Gebiet enthält eine Vielzahl von FFH-relevanten Lebensräumen, die verglichen mit der Gesamtgröße des Gebietes jedoch meist nur sehr kleinflächig und oft weit voneinander getrennt ausgebildet sind. Naturnahe Waldbestände sind durch intensiv forstlich genutzte Flächen isoliert, Trockenrasen, soweit überhaupt noch erhalten, auf inselartige Restflächen beschränkt; selbst Wiesen treten vielfach nur mehr auf unzusammenhängenden, von Ackerflächen umgebenen Einzelparzellen auf.

Die im Günser und Bernsteiner Bergland ausgebildeten Tannen-Buchenwälder entsprechen den Lebensraumtypen 9110 Hainsimsen-Buchenwald / Luzulo-Fagion, 9130 Waldmeister-Buchenwald / Fagion sylvaticae und 9170 Labkraut-Eichen-Hainbuchenwald / Carpinion betuli. Die wärmeliebenden Eichenbestände mit Zerr- und Flaumeichen sind den Typen 91G0 Pannonische Wälder mit Quercus petraea und Carpinus betulus und 91H0 Pannonische Flaumeichenwälder / Quercion pubescenti-petraeae zuzuordnen. Weiters sind kleinflächig Schlucht-, Hang- und Auwälder der Kategorien 9180 Schlucht- und Hangmischwälder / Tilio-Acerion und 91E0 Auenwälder mit Alnus glutinosa und Fraxinus excelsior / Alnion incanae vorhanden. Die im Gebiet ausgebildeten Felsstandorte und Trockenrasen entsprechen einer Vielzahl unterschiedlicher Lebensraumkategorien. Die mesophilen Wiesen des Bernsteiner und Günser Berglandes sind zumeist Bestände des Typs 6510 Magere Flachland-Mähwiesen / Arrhenatherion. Die mageren Trockenwiesen am Südrand des Günser Berglandes entsprechen der Kategorie 6210 Naturnahe Kalk-Trockenrasen und deren Verbuschungsstadien / Cirsio-Brachypodion. An den Ufern von Zöbernbach, Güns und Tauchenbach sind FFH-relevante Schlammlings- und Hochstaudenfluren ausgebildet: 3270 Flüsse mit Schlammbänken mit Vegetation des Chenopodion rubri p.p. und des Bidention p.p sowie 6430 Feuchte Hochstaudenfluren der planaren und montanen bis alpinen Stufe / Petasition officinalis.