Scrophulariaceae s. strictiss. / Braunwurzgewächse i. engst. S.

Der Begriff Scrophulariaceae / Rachenblütler, Braunwurzgewächse hat sich seit etwa 1998 (APG I) stark verändert: Er bezeichnet heute eine wesentlich kleinere Familie als traditionell. Betreffend die Flora des Burgenlandes, stellen sich diese Änderungen folgendermaßen dar:

Die Scrophulariaceae s. str. umfassen nur die ehemalige Tribus Scrophularieae mit der Nominatgattung Scrophularia / Braunwurz und Verbascum / Königskerze und die Gattung Limosella / Schlammling (die einst verschiedenen Triben zugerechnet worden war). Diese Familie (in die auch noch mehrere exotische Gattungen und aber neuerdings auch die Buddlejaceae / Sommerfliedergewächse eingeschlossen werden) erwies sich als nicht näher verwandt mit den übrigen Teilen der traditionellen Scrophulariaceen.

Die Triben
Antirrhineae / Löwenmaulförmige,
Digitaleae / Fingerhutförmige,
Veroniceae / Ehrenpreisförmige,Gratioleae (p. p.) / Gnadenkrautförmige

bilden zusammen eine Familie (in EÖ3 Antirrhinaceae genannt), in die jedoch (damit sie im kladistisch-phylogenetischen Sinn monophyletisch ist) auch noch folgende Sippen eingeschlossen werden müssen:

Globulariaceae / Kugelblumengewächse (im Burgenland mit Globularia / Kugelblume),
Plantaginaceae / Wegerichgewächse (im Burgenland mit Plantago),
Hippuridaceae / Tannenwedelgewächse (einzige Art Hippuris vulgaris),
Callitrichaceae / Wassersterngewächse (einzige Gattung Callitriche / Wasserstern).

Diese Familien haben dann den Rang von Unterfamilien. Die so umgrenzte Familie muss, den Nomenklaturregeln gemäß, den ältesten verfügbaren Familiennamen führen, und der lautet Plantaginaceae / Wegerichgewächse. Um Verwechslungen mir der wesentlich engeren traditionellen Umgrenzung zu vermeiden, empfiehlt es sich, zumindest den Hinweis „s. lat.“ anzufügen.

Die ehemalige Scrophulariaceen-Tribus  Paulownieae ist zufolge AGP III eine Familie: Paulowniaceae / Blauglockenbaumgewächse.

Ebenso bildet die ehemalige Tribus Lindernieae (mit Lindernia / Büchsenkraut) die Familie Linderniaceae / Büchsenkrautgewächse.

Die restlichen traditionellen Scrophulariaceen sind die Tribus Pedicularieae / Läusekrautförmige. Auch sie erwiesen sich als mit den Rachenblütlern im traditionellen Sinn nicht näher verwandt, alledings bilden sie keine eigene Familie, sondern hängen phylogenetisch mit den traditionellen Orobanchaceen / Sommerwurzgewächsen eng zusammen: die semiparasitischen Pedicularieen passen sowohl in Morphologie (z. B. Blütenbau) wie Ernährungsphysiologie (Schmarotzer) zu den traditionellen holoparasitischen Orobanchaceae s. str., beide werden damit formal zu Unterfamilien, und die traditionelle, einst ausschließlich aus Vollschmarotzern bestehende Familie Orobanchaceen wird wesentlich vergrößert:

Scrophulariaceae-Pedicularieae (= Rhinantheae = Rhinanthoideae) –> Orobanchaceae-Pedicularieae;

Orobanchaceae s. str. –> Orobanchaceae-Orobanchoideae

 

Anmerkung: Die im Burgenland nur selten als verwilderte Zierpflanzen auftretenden Arten der Gattung Mimulus / Gauklerblume werden hier nicht behandelt. Mimulus ist eine tradititionelle Scrophulariacee, gehört jedoch aufgrund molekularphylogenetischer Befunde zur einst sehr kleinen, monogenerischen Familie Phrymaceae, die früher in der Nähe oder sogar innerhalb der Verbenaceae angesiedelt war (Phryma wurde einst als Verbenacee betrachtet). Die Phrymaceae s. lat. werden, da die asiatische Phryma keinen deutschen Namen hat, kurzerhand Gauklerblumengewächse genannt, aber hier dennoch (vorerst) nicht behandelt.

Die Phrymaceae gehören laut APG III zu den Lamiales s. lat. und stehen im APW-Stammbaum zwischen den Lamiaceae und den Paulowniaceae + Orobanchaceae und damit ziemlich weit entfernt von den Scrophulariaceen und Plantaginaceen.

 

Die hier akzeptierte Taxonomie folgt nicht zur Gänze APG III, vielmehr werden die morphologisch-ökologisch-evolutionär stark von den Plantaginaceen abweichenden Hippuridaceae und Callitrichaceae als Familien behandelt.

Ebenso werden die Buddlejaceae (Buddleja war in älteren Systemen bei den Loganiaceae und damit sogar in einer ganz anderen Ordnung!) nicht zu den Scrophulariaceae s. str. gestellt, sondern als eigene Familie bewertet.

Aus ähnlichen Erwägungen müsste Limosella als eigene Familie Limosellaceae bewertet werden, die wir hier jedoch, APG III folgend, provisorisch noch bei den Scrophulariaceae s. str. belassen (siehe unter Limosella).

Siehe dazu auch die Angaben bei den Familien Plantaginaceae s. lat. und Orobanchaceae s. lat.

 

Literatur:

APG [I.] [= Angiosperm Phylogeny Group], 1998: An ordinal classification for the families of flowering plants. – Ann. Misssouri Bot. Gard. 85: 531–553.

Fischer M. A., 2013: Kladistisch-molekulare Pflanzensystematik – ein Schreckgespenst nicht nur für Hobby-Botaniker? – Carinthia II 203/123: 349– 428.