Einführung in die Taxonomie – Einige Grundbegriffe der Taxonomie, insbesondere Aufklärung häufiger Missverständnisse

 Von Manfred A. Fischer

 

Inhaltsübersicht:

1. Die Taxonomie und die Taxa

2. Die taxonomischen Rangstufen

3. Was ist eine Art?

4. Was sind Artengruppen (Aggregate)?

5. Unterarten (= Subspezies, subspp.)

6. Die Namen der Unterarten

7. Varietäten und Formae

8. Hybriden (= Bastarde)

9. Die Namen der Taxa (Nomenklatur)

10. Synonyme

11. Homonyme

12. Warum ändern sich die Pflanzennamen?

13. Deutsche Pflanzennamen

14. Empfehlungen für deutsche Büchernamen

 

1. Die Taxonomie und die Taxa

Siehe dazu die Vorbemerkung zum System der Gefäßpflanzen!

Ziel der Biosystematik (= Taxonomie im weiten Sinn) ist die Erforschung der in der Natur (unabhängig vom Forscher) vorhandenen Beziehungen, Zusammenhänge zwischen den Pflanzensippen. Diese Zusammenhänge sind zweifellos durch die Evolution gegeben, also durch das genetische Band (die sog. Keimbahn), das alle Organismen, von den ausgestorbenen bis zu den heute lebenden (rezenten), miteinander verbindet. Die Abstammung (Phylogenese) bietet sich damit als Ordnungsprinzip an. Dank den heutigen Methoden der Molekularsystematik (genauer Vergleich der Erbsubstanz, insbesondere der DNA) lassen sich Hypothesen über die Phylogenese (Stammbaumentwicklung) der Organismen mit bis noch vor Kurzem ungeahnt weitgehender Aussagekraft aufstellen. Dennoch ist unser Wissen über die Evolutionsprozesse im Einzelnen noch vergleichsweise bescheiden. Wir können zwar verwandtschaftliche Zusammenhänge feststellen, Abstammungsverhältnisse rekonstruieren, wie aber die Verschiedenheiten zwischen den Organismen bzw. den Pflanzen zustandegekommen sind, ist noch weitgehend unklar. Evolution ist nicht bloß Abstammung (Genealogie), sondern Entstehen von neuen Strukturen (Innovation). Evolution verläuft auf sehr verschiedene Weise, vor allem auch verschieden schnell.

Da wir uns dank der Molekularsystematik einer Aufklärung der Phylogenien nähern, liegt es auf der Hand, das Ziel der Biosystematik in der Rekonstruktion der Stammbäume zu sehen: Das natürliche System wird als identisch mit dem phylogenetischen System betrachtet. Dies ist eine Zielvorstellung, die verständlicherweise seit dem Beginn der Evolutionstheorien, insbesondere seit Charles Darwin, die Biologen beherrscht. Natürliche Pflanzensysteme gab es jedoch schon vorher, sie stützten sich auf morphologische Beziehungen, insbesondere auf Homologien, denn homologe Gemeinsamkeiten beruhen auf der gemeinsamen Abstammung, sie spiegeln Verwandtschaft wider.

Hauptaufgabe der Biosystematik ist es zwar, die Organismengestalten miteinander zu vergleichen, dabei jedoch zwischen auf Verwandtschaft gründenden homologen Ähnlichkeiten einerseits und analogen Ähnlichkeiten, die sich unabhängig voneinander entwickelt haben, andererseits zu unterscheiden. Denn Ähnlichkeit und Verwandtschaft ist grundsätzlich nicht dasselbe! Äußerliche Ähnlichkeiten und Ähnlichkeiten in einzelnen Organbereichen sagen nichts über die verwandtschaftliche Zusammengehörigkeit. Das gilt auf allen Ebenen, auch auf der molekulargenetischen. Zu entscheiden, ob ein Merkmal, eine Struktur, ein Organ, eine Eigenschaft nur einmal entstanden ist oder mehrmals im Lauf der Evolution, ist eines der grundlegenden Probleme der Biosystematik und auch der Taxonomie im engeren Sinn. Denn diese konstruiert das natürliche System aufgrund der Daten über die Verwandtschaftsverhältnisse. Aber was heißt „natürlich“? Für den Taxonomen stellt sich nämlich die Frage, ob das natürliche System phylogenetisch (genealogisch) oder evolutionär sein soll. Ein evolutionäres System versucht die Innovationen (Errungenschaften) der Organismen im Lauf der Evolution nicht bloß quantitativ-genealogisch, sondern auch evolutionär-qualitativ zu betrachten. Ist es aber überhaupt möglich, diese beiden einander dialektisch gegenüberstehenden Gesichtspunkte in einem einzigen logisch gebauten System darzustellen?

Die Taxonomie war nie ausschließlich oder auch nur grundsätzlich an Ähnlichkeiten orientiert. Es gibt Gattungen, deren Arten einander nicht sehr ähneln, wo es aber überzeugende Argumente dafür gibt, dass sie dennoch nahe miteinander verwandt sind. Noch viel deutlicher ist das bei den Familien. Viele Familien, besonders die großen, sind auffallend heterogen. Man denke etwa an die Ranunculaceae / Hahnenfußgewächse und die Rosaceae / Rosengewächse. Wie stark ähneln einander Thalictrum / Wiesenraute, Aconitum / Eisenhut, Clematis / Waldrebe und Hepatica / Leberblümchen? Wo liegt die Ähnlichkeit zwischen Malus / Apfelbaum und Alchemilla / Frauenmantel? Siehe dazu Fischer 2013.

Evolution ist die Entwickung von Unterschieden, Phylogenie die Weitergabe von Genen, Merkmalen. Beides steht in einem dialektischen Spannungsverhältnis: In der Evolution ist immer beides wichtig. Ein natürliches System darf also nicht nur eine Seite des Evolutionsgeschehens abbilden oder betonen. Relativ homogene Familien („Anfängerfamilien“) wie die Brassicaceae / Kreuzblütler, Apiaceae / Doldenblütler, Lamiaceae / Lippenblütler, Fabaceae s. str. / Schmetterlingsblütler stellen uns vor die Frage, warum sie so homogen sind. Um den Taxonomen den Einstieg in ihre Wissenschaft zu erleichtern? Evolutionsbiologisch gesehen, handelt es sich um vergleichsweise phylogenetisch junge Familien, deren Bauplan sich als Erfolgsrezept erwiesen hat. Dass diese Familien Namen haben, die nicht auf –aceae enden, ist natürlich kein Zufall, siehe Punkt 9.

 

2.  Die taxonomischen Rangstufen

Die relative Verwandtschaft der Pflanzensippen wird in Form eines hierarchischen Systems dargestellt.

Siehe dazu die Übersicht über das System unter Flora/System Gefäßpflanzen.

Die folgenden Beispiele beziehen sich auf das von uns für die vorliegende Website „Burgenlandflora Online“ akzeptierte System.

Die Reihenfolge der Rangstufen ist global festgelegt (die Ordnung ist Teil einer Klasse, die Tribus ist immer Teil einer Familie, die Sektion immer ein Teil einer Gattung usw.). Der Umfang der Taxa jedoch wechselt von System zu System. Das heute vielfach (in Botaniklehrbüchern) bevorzugte APG-System (APG III, APW) weicht u. a. von unserem System insofern ab, als die meisten Ordnungen dort größer gefasst (weiter umschrieben) sind.

Man beachte: Diese Unterschiede sind am Namen des Taxons meist nicht zu erkennen. Derselbe Name, wie z. B. Caryophyllales, hat demnach verschiedene Bedeutungen, im APG-System bezeichnet er eine wesentlich umfangreichere Ordnung (schließt auch unsere drei Ordnungen der Polygonanae ein).

Die Rangstufe erkennt man an der Endung des Namens: Mit –ales enden die Namen der Ordnungen, mit –aceae die der Familien usw. (siehe die Tabelle). Die Gattungsnamen haben keine einheitliche Endung, es handelt sich um meist aus dem Lateinischen oder Altgriechischen stammende Nomina (Substantive), die meist die lateinischen Endungen -us, -a oder -um haben. (Näheres über die wissenschaftlichen Namen weiter unten.)

Die einzelnen Taxa sind sehr verschieden groß. Es gibt sogar monotypische Taxa, das sind solche, die weltweit nur ein einziges untergeordnetes Taxon enthalten.

So besteht z. B. die Ordnung Vitales ausschließlich aus den Vitaceae / Weinrebengewächsen, unsere Aristolochiales umfassen nur die Familie Aristolochiaceae / Osterluzeigewächse.

Ein weiteres Beispiel: die Trapaceae / Wassernussgewächse und die Balsaminaceae / Springkrautgewächse umfassen bei uns nur je eine einzige Gattung: Trapa / Wassernuss bzw. Impatiens / Springkraut (diese Gattung ist weltweit allerdings riesengroß; in Südostasien gibt es noch eine andere, und zwar monotypische Gattung).

Nicht wenige Gattungen bestehen aus nur einer einzigen Art, weltweit z. B. Hippuris / Tannenwedel, Limodorum / Dingel; im Burgenland (und in ganz Österreich wie in fast ganz Europa) Parnassia / Herzblatt.

Es gibt auch monospezifische Familien, die weltweit aus nur einer einzigen Gattung und diese aus einer einzigen Art bestehen, z. B. umfassen die Butomaceae / Schwanenblumengewächse nur Butomus umbellatus / die Schwanenblume.

Die Klasse der Ginkgopsida weltweit besteht aus nur einer einzigen Art: Ginkgo biloba, dem Ginkobaum, und dies nur, weil dieses „lebende Fossil“ zufällig nicht völlig von unserem Planeten verschwunden ist.

Andere Ordnungen und Familien und Gattungen sind sehr groß, so umfasst die Familie Asteraceae / Korbblütler fast 1600 Gattungen, die der Orchidaceae / Orchideen rund 780 Gattungen.

Große Gattungen sind u. a. Euphorbia / Wolfsmilch mit weltweit 1900, im Burgenland 26 Arten, und Solanum / Nachtschatten mit weltweit rund 1200 Arten, im Burgenland 4 wildwachsenden Arten.

Die größten, d. h. artenreichsten Gattungen im Burgenland sind:

Carex / Segge: 66 Arten,
Rubus / Brombeere: mind. 48 Arten,
Veronica / Ehrenpreis: 30 Arten und 1 Neubürger
Ranunculus / Hahnenfuß: 26 Arten (einschließlich der Kleinarten von R. auricomus agg. / Artengruppe Goldschopf-Hahnenfuß,
Galium / Labkraut: 23 Arten,
Euphorbia / Wolfsmilch: 21 heimische Arten und 5 Neubürger,
Festuca / Schwingel: 21 Arten.

Rangstufen Taxa (am Beispiel der taxonomischen Stellung der Österreichischen Bachkresse / Cardamine amara subsp. austriaca)
Großreich (superregnum) Organismen mit Zellkern / Eukaryota
Reich (regnum) Embryopflanzen / Embryophyta / Archegoniatae („Cormobionta“)
Überabteilung (supradivisio) Gefäßpflanzen / Tracheophyta / Kormophyten
Abteilung (divisio) Samenpflanzen / Spermatophyta
Unterabteilung (subdivisio) Bedecktsamige / Angiospermae = Magnoliophytina
Klasse (classis) Dreifurchenpollen-Zweikeimblättrige / Rosopsida (= Zweikeimblättrige z. T. / Dicotyledoneae z. T.) (auch: Endung -pflanzen)
Unterklasse (subclassis) Rosenpflanzen / Rosidae
Überordnung (supraordo) Kapernblütige / Capparidanae
Ordnung (Reihe) (ordo) Kapernartige / Capparidales
Unterordnung (subordo) (Endung -ineae); —
Familie (familia) gewächse; Kreuzblütler / Brassicaceae (= Cruciferae)
Unterfamilie (subfamilia) ähnliche (Endung: –oideae); —
Tribus [die!] (tribus) Gänsekressenförmige / Arabideae
Gattung (genus [das!]) Schaumkraut / Cardamine
Untergattung (subgenus) (Abkürzung: subgen. oder subg.); —
Sektion (sectio) Cardamine sect. Cardamine
Untersektion (subsectio) Cardamine sect. Cardamine subsect. Dolichopetalae
Serie (series) (Abkürzung: ser.); —
Art (species) Bitter-Schaumkraut, Bachkresse / Cardamine amara
Unterart (subspecies) Österreichisches Bitter-Schaumkraut, Österreichische Bachkresse / Cardamine amara subsp. austriaca
Varietät (varietas) (Abkürzung: var.); —
Forma (forma) (Abkürzung: f. [auch fo. oder fa.]); —

 

3. Was ist eine Art?

Evolutionsbiologisch gesehen gibt es zwar (je nach dem Evolutionsmodus) recht verschiedene Typen von Arten, sie werden im taxonomischen System jedoch zur taxonomischen Art zusammengefasst. Arten müssen folgenden Kriterien genügen: (a) deutliche genetische Unterschiede (fehlender oder sehr geringfügiger Genfluss), (b) deutliche phänetische (merkmalsmäßige: umfassend morphologische, anatomische, embryologische, palynologische, phytochemische usw.) Unterschiede, (c) Unterschiede in Autökologie, Habitatökologie und Areal („ökogeographische“ Unterschiede). Es genügen jedoch keinesfalls solche Unterschiede allein, vielmehr sind die Grenzen maßgeblich, d. h. die Variationsamplituden in allen drei Merkmalsbereichen müssen zwischen den nächst verwandten Arten eine deutliche Zäsur (Diskontinuität) zeigen. Sowohl Ausmaß der Unterschiede wie Grad der Diskontiuität (Schärfe der Grenze) sind graduell sehr verschieden. Mit genetischer Grenze/Diskontinuität ist die Unmöglichkeit zu hybridisieren gemeint oder die geringe Fertiliät selten auftretender Hybriden. Um die Rangstufe Art (= Spezies) zu rechtfertigen, darf zumindest die „Summe“ im Ausmaß der Unterschiede und der Deutlichkeit der Grenzen ein Mindestmaß nicht unterschreiten. Das heißt, geringere Werte in einem der drei Merkmalsbereiche können durch größere in einem anderen Merkmalsbereich bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden.

Beispiele:

(1) Sympatrische (d. h. im selben Gebiet) oder parapatrische (d. h. in unmittelbar benachbarten Gebieten wachsende) Sippen, die sich phänetisch („morphologisch“) zwar geringfügig unterscheiden, genetisch aber scharf getrennt sind, können Artrang beanspruchen.

(2) Allopatrische (geographisch weit voneinander entfernte) Sippen, die sich deutlich phänetisch unterscheiden, werden als Arten bewertet, obwohl sie im Experiment keine gegenseitige Keuzungsbarriere aufweisen.

(3) Sehr große Unterschiede/Abgrenzung in Ökologie und Areal können geringere phänetische und genetische Unterschiede/Abgrenzung „kompensieren“.

Die erwähnten drei Merkmalsbereiche und vor allem die Bedeutung der Abgrenzung (Diskontinuität) in diesen Bereichen kann unterschiedlich bewertet werden. Oft wird ein „morphologischer Artbegriff“ von einem „genetischen“ oder von einem „biologischen“ Artbegriff unterschieden. Unter letzterem versteht man fast immer bloß einen hybridologischen Artbegriff. Diese irreführende Bezeichnung hat einen historischen Grund:

Um den Unterschied zwischen einem an der Phänologie (Herbarbelegen, Museumsstücken) orientierten Artbegriff, wie er in der klassischen Taxonomie bis weit ins 20. Jahrhundert ausschließlich gehandhabt worden ist, und einem an der Kreuzbarkeit orientierten Artbegriff deutlich zu machen, nannte man diesen den „biologischen“Artbegriff („biologisch“ wurde früher im Sinn von physiologisch und ökologisch verwendet). Tatsächlich sind die strukturellen, phänetischen („morphologischen“) Aspekte und Merkmale genauso biologisch wie die genetischen, physiologischen und ökologischen. Die Taxonomie muss immer alle Organe, Merkmalsbereiche und Aspekte und die entsprechenden Untersuchungsmethoden gemeinsam berücksichtigen und bewerten. Von morphologischen, anatomischen, embryologischen, palynologischen, cytologischen, karyologischen, genetischen, chemischen „Arten“ zu sprechen, wenn jeweils nur ein einzelner dieser Merkmalsbereiche berücksichtigt wird, ist daher unsinnig. Allerdings müssen die untersuchten Bereiche und die dafür verwendeten Methoden genau angegeben werden, und ein einzelner Forscher kann heute nicht alle die Methoden beherrschen und alle Merkmale selber erarbeiten und beurteilen. Eine methodisch einseitige Sicht begründet aber keinen Artbegriff.

Am ehesten berechtigt ist ein eigener Artbegriff bei den Apomikten, bei denen in der Regel genetische Differenzierung (verringerter Genfluss, eingeschränkte Kreuzbarkeit), also eine genetische Diskontinuität, in auffallendem Gegensatz zu den geringen Unterschieden und weniger deutlichen Grenzen in allen anderen Merkmalsbereichen steht. Die Apomikten sind sozusagen hybridologische Arten. Der häufigste Fall sind die Sippen, die ohne Befruchtung Samen bilden, die so genannten agamospermischen (generativ-apomiktischen) Arten, weshalb man von „Agamospezies“ sprechen kann. Die meisten derartigen Sippengruppen (Hieracium, Pilosella, Rubus, Taraxacum, Ranunculus auricomus agg.) sind jedoch nicht vollständig asexuell, vielmehr gibt es eine große Vielfalt von sexuellen Kontakten und somit alle Übergänge zu typisch sexuellen Sippen.

Wichtig ist jedoch festzuhalten, dass die verschiedene Bewertung dieser Merkmalsbereiche keinesfalls gänzlich der Willkür des Forschers überlassen bleibt, sondern vielmehr die Evolution in sehr verschiedenartiger Weise abläuft: Für die Artbildung (Speziation) ist in manchen Fällen hauptsächlich intrinsische (innere, ohne Bezug zur Außenwelt) karyologische oder genetische Differenzierung, in anderen habitatökologische Spezialisierung (auf verschiedene Ökotope), in wieder anderen blütenökologische (z. B. bestäubungsökologische Spezialisierung auf verschiedene Bienenarten als Bestäuber), in wieder anderen geographische Trennung (unabhängige Merkmalsdifferenzierung in verschiedenen Teilarealen) maßgeblich. Falls die jeweils entscheidenden Evolutionsfaktoren bekannt sind, kann (und muss!) die Artdefinition jeweils verschieden sein. Dennoch ist es für die Taxonomie sinnvoll, einen universalen Artbegriff anzustreben, der sich dadurch definieren lässt, dass die Art die kleinste evolutionsbiologisch selbstständige Einheit ist (so wenig man mit dieser allgemeinen Definition im konkreten Fall anfangen kann).

Genetische Grenzen (Bereich a) werden meist hoch bewertet, weswegen apomiktische Sippen (z. B. bei Rubus, Hieracium, Taraxacum, Alchemilla, Ranunculus auricomus agg.) traditionell als Arten (statt im Sinne der obigen Ausführungen besser als Unterarten) bewertet werden (siehe auch weiter unten). Tatsächlich ist die genetische Differenzierung bei den Artbildungsprozessen (Speziation) meist besonders wichtig.

Je nachdem, welcher der oben erwähnten, für die Artbildung entscheidenden Merkmalsbereiche (genetisch, phänetisch, ökologisch) im einzelnen Fall die größere, entscheidendere Rolle spielt, ließen sich theoretisch tatsächlich verschiedene Artbegriffe unterscheiden. Es gibt Verwandtschaftsgruppen, wo neue Arten durch Habitatdifferenzierung entstehen, andere durch Spezialisierung auf verschiedene Bestäuber, wieder andere hauptsächlich durch äüßerlich nicht sichtbare Kreuzungsbarrieren. Diese Vielfalt der Evolutionsmodi steht im Widerspruch zur Forderung nach einem einheitlichen Artbegriff, wie er für das hierarchische Pflanzensystem benötigt wird. Deshalb verwendet die Taxonomie einen Artbegriff, der eben alle Artbildungs-Faktoren (Evolutionsmodi) berücksichtigt, indem er gleichsam eine Summenbildung aus Genetik, Phänetik, Ökologie samt Berücksichtigung des Ausmaßes der Diskontiuitäten in diesen Merkmalsbereichen vornimmt.

Dennoch ist aus dieser Situation verständlich, dass die Taxonomen verschiedene Auffassungen haben. Denn es geht darum für jeden einzelnen Fall zu bewerten, welche Rolle die einzelnen Merkmalsbereiche und Evolutionsfaktoren für die Artbildung haben. Da der Artbegriff nicht messbar ist und bei den Taxonomen jeweils ein Merkmalsbereich und eine Methode im Vordergrund steht, tendieren sie dazu, je nach Arbeitsrichtung und Blickrichtung von „genetische“, „morphologischen“, „ökologischen“ und dazu noch phylogenetischen etc. Artbegriffen zu sprechen, auch wenn damit nicht Evolutionsmodi im oben skizzierten Sinn gemeint sind, sondern bloß willkürliche technisch-methodische Abstraktionen (bewusstes Herausheben eines einzigen Merkmalsbereichs). Ein solches Herausheben einzelner Merkmale oder Eigenschaften oder Gene kann zwar durchaus auch im Rahmen der Taxonomie berechtigt sein, dafür bietet sich jedoch eine künstliche Klassifizierung an (wie etwa die Deme-Taxonomie).

Die taxonomischen Arten verändern sich daher in Abhängigkeit vom jeweiligen Kenntnisstand und von den angelegten theoretischen Maßstäben. In der Praxis bedeutet dies, dass die Angabe taxonomischer Referenzen und insbesondere von Synonymen unerlässlich ist.

 

4.  Was sind Artengruppen (Aggregate)?

Aggregat (agg.): Einander sehr ähnliche, nicht leicht unterscheidbare, meist (aber nicht immer!) nah verwandte Arten werden oft (so auch auf dieser Website) zu Artengruppen / Aggregaten ( „group“ bzw. „gruppo“ etc. genannt) zusammengefasst. Diese werden so bezeichnet, dass an den Namen der prominentesten Art (willkürlich gewählt: die bekannteste, am weitesten verbreitete, oft die älteste) die Abkürzung agg. (für Aggregat im Sinne von Artengruppe) angefügt wird. Die betreffenden Arten werden oft „Kleinarten“ = „Mikrospezies“ genannt.

Achtung: Weder „Kleinart“ noch „Aggregat“ sind taxonomische Rangstufen! Im hierarchischen System handelt es sich um gleichberechtigte Arten, und den Aggregaten / Artengruppen = „Kleinartengruppen“ kommt keinerlei Wert als Rangstufe zu. Dennoch haben die Aggregate in der Praxis eine Zwischenposition zwischen Art und Subsektion. In den meisten Fällen sind sie der Rangstufe Serie gleichzusetzen. Sie tatsächlich „offiziell“ als Serien einzustufen, wird jedoch aus drei Gründen vermieden, einem seriösen (theoretischen) und zwei bloß pragmatischen („praktikablen“, streng genommen also unwissenschaftlichen):

(1) Es handelt sich in vielen Fällen nicht um Verwandtschaftsgruppen, sondern um Gruppen, die durch technisch schwierige Unterscheidbarkeit vereint sind. (Serien müssten natürlich Verwandtschaftsgruppen sein.) „Schwierig“ bedeutet dabei oft: im Gelände mit Hilfe bloß einer Lupe nicht sicher ansprechbar. Die auf dieser Website verwendeten Aggregate sind jene in der 3. Auflage der Exkursionsflora von Fischer & al. 2008.

(2) Die Aggregate sind nicht festgelegt, nicht genau definiert, sondern in ihrer Umgrenzung flexibel, sie werden nicht selten ad hoc gebildet, d. h. sie differieren oft von Florenwerk zu Florenwerk.

(3) Da sie keinen Status als Rangstufe (series) haben, also offiziell gar nicht existieren, haben sie auch keinen verbindlichen Namen. Als Serie/series müsste der Name selbstverständlich den Nomenklaturregeln gehorchen, es müsste daher (wie bei den Namen der anderen Rangstufen) der regelgemäße, d. h. prioritätsberechtigte Name mit dem dazugehörigen nomenklatorischen Typus gesucht bzw. festgelegt werden, was relativ großen Aufwand (Suche in der gesamten – auch älteren – Literatur) bedeutet.

Wie schon weiter oben erwähnt, werden eng verwandte, phänetisch wenig verschiedene, aber genetisch, d. h. durch Kreuzungsbarrieren, ± scharf getrennte Sippen üblicherweise meist als Arten bewertet. Das ist eine Folge der hohen Bewertung der Kreuzbarkeit für den Artbegriff, denn die genetische Selbstständigkeit, der nicht vorhandene Genfluss ist entscheidend für die Speziation (Artbildung). Solche Sippen sind verständlicherweise in jenen Verwandtschaftsgruppen häufig, bei denen die sexuelle Fortpflanzung und damit der Genfluss im Verlauf der Evolution gänzlich oder großteils unterbunden worden ist. Seltene oder gar nur historisch vorhandene Hybridisierungsergebnisse erzeugen bzw. erzeugten Hybriden, die sich fortan ungeschlechtlich fortpflanzen und daher (auf lange Zeit) genetisch isoliert sind, sich demnach wie (genetische) Arten verhalten. Um sie von sexuellen Arten zu unterscheiden, werden sie oft Kleinarten / Mikrospezies genannt. Es sei nochmals betont, dass damit im taxonomischen System keine Rangstufe gemeint ist.

Obligatorische Autogamie bedeutet Samenbildung durch regelmäßige Selbstbestäubung. Unter Apomixis versteht man obligatorische ungeschlechtliche Fortpflanzung.

Beispiele:

Obligatorische Autogamie:

Draba (Erophila) verna s. lat. / Hungerblümchen,
Luzula campestris agg. / Artengruppe Gewöhnlich-Hainsimse,
Stipa pennata agg. / Artengruppe Federgras,
Epipactis helleborine agg. / Artengruppe Breitblatt-Ständelwurz.

Vegetative Apomixis (keine Samenbildung; Fortpflanzung ausschließlich vegetativ):

Mentha / Minze.

Agamospermie (sexuelle Apomixis, d. h. Samenbildung ohne Befruchtung):

Ranunculus auricomus agg. / Artengruppe Gold-Hahnenfuß,
Alchemilla / Frauenmantel,
Rubus subg. Rubus / Brombeere,
Hieracium / Habichtskraut,
Pilosella / Mausohrhabichtskraut,
Taraxacum / Löwenzahn.

Ein häufiger Denkfehler ist die Gleichsetzung der Begriffe Spezies sensu lato (Art im weiteren Sinn) und Aggregat (Kleinartengruppe). Obwohl sich in manchen Fällen beide Begriffe sachlich decken, sind sie klar (logisch) zu unterscheiden:

Species sensu lato (Art im weiten Sinn) impliziert, dass derselbe Artname auch – bei manchen Autoren, in manchen Taxonomien (Systemen), in manchen Büchern – zur Bezeichnung einer enger definierten Art verwendet wird. Solche weit gefassten Arten bestehen oft aus zwei oder mehreren Unterarten. Sie sind deshalb aber natürlich keine Aggregate, denn Aggregate sind Gruppen von eng verwandten Arten, nicht von Unterarten (Gruppen von eng verwandten Unterarten heißen ja Arten).

Selbstverständlich gibt es nicht wenige Fälle, in denen Sippen im Grenzbereich zwischen Art und Unterart liegen und deren taxonomische Bewertung deshalb schwankt: In der einen Taxonomie (Autor, Buch) werden sie als Unterarten klassifiziert, in einer anderen Taxonomie hingegen als Arten bewertet. Im ersten Fall handelt es sich um eine weit gefasste, aus Unterarten bestehende Art (s. lat.), im zweiten um eine Artengruppe (agg.). In diesem Fall sind die Art im weiten Sinn und das Kleinartenaggregat inhaltlich natürlich gleichbedeutend.

Beispiel: Polygonum aviculare s. lat. umfasst die drei Subspezies subsp. aviculare, subsp. depressum und subsp. rurivagum. Diese Unterarten werden von manchen Autoren als Arten aufgefasst und zu einer Artengruppe zusammengefasst, die als P. aviculare agg. bezeichnet wird. In diesem Fall ist „P. aviculare s. lat.“ mit „P. aviculare agg.“ inhaltlich deckungsgleich.

 

5. Unterarten (= Subspezies, subspp.)

Aus der oben skizzierten Verschiedenheit der für die Artbildung maßgeblichen Fak­toren, die von Gattung zu Gattung, ja von Artengruppe zu Artengruppe verschieden sein können, und aus deren quantitativer Natur wird verständlich, dass es keine scharfe Grenze zwischen Art und Unterart geben kann. Unterarten (= Subspezies = sub­species) sind ebenso wie die Arten natürliche Einheiten; von Arten unterscheiden sie sich dadurch, dass die Unterschiede und Grenzen (Diskontinuitäten) ein geringeres Ausmaß als bei den Arten haben. Evolutionsbiologisch gesehen sind Unterarten meist vermutlich im Entstehen begriffene Arten. Unterarten sind in der Regel reichlich im Kontaktbereich durch hybridogene Übergangspopulationen („Zwischenformen“; d. h. mit intermediären Merk­malsausprägungen) miteinander verbunden. Die Art und Weise der Abgrenzung kann jedoch, wie bei den Arten, verschieden sein. Oft sind es geringere strukturelle („morphologische“) und/oder genetische Unterschiede, die mit deutlichen standorts­ökologischen und/oder chorologischen Divergenzen korreliert auftreten.

Unterarten unterscheiden sich häufig „ökogeographisch“, d. h. sie bewohnen entweder verschiedene Areale oder verschiedene Habitate, es handelt sich demnach entweder um geographische oder ökologische Rassen, die sich phänetisch relativ geringfügig unterscheiden und im Kontaktbereich reichlich hybridogene Übergangspopulationen bilden, wobei diese Hybriden weitgehend fertil sind.

Beispiele:

Knautia arvensis / Wiesen-Witwenblume:
umfasst im Burgenland zwei Unterarten, die sich durch nur wenige Merkmale, aber zusätzlich im Ploidiegrad (Chromosomenzahl) und durch verschiedene Verbreitungsschwerpunkte (Areale) unterscheiden.
Knautia arvensis subsp. arvensis / Gewöhnliche Wiesen-Witwenblume
Knautia arvensis subsp. pannonica / Pannonische Wiesen-Witwenblume

Lathyrus pannonicus / Pannonien-Platterbse:
Lathyrus pannonicus subsp. collinus / Langknollige Pannonien-Platterbse
Lathyrus pannonicus subsp. pannonicus / Kurzknollige Pannonien-Platterbse

Natürlich gibt es auch sympatrische Unterarten, also solche, die sich zwar deutlich gestaltlich unterscheiden, aber keine für den Artrang ausreichend deutliche genetische Barriere aufweisen und weder klare ökologische noch geographische Differenzierung erkennen lassen: z. B. die Unterarten innerhalb von Vicia pannonica / Pannonien-Wicke und jene von Solanum nigrum / Schwarz-Nachtschatten.

Festzuhalten ist: Unterarten sind (ebenso wie Arten) in der Natur objektiv vorhandene, monophyletische Verwandtschaftseinheiten. Dies im Unterschied zu den Taxa niedrigerer Rangstufe, nämlich den im Folgenden behandelten Varietäten und Formae, die oft mehr oder weniger künstlichen Charakter haben, d. h., bei denen es sich fallweise bloß um wissenschaftliche Abstraktionen handelt, die dazu dienen, einzelne Genotypen zu benennen, die aus irgendeinem Grund beachtenswert erscheinen.

 

6. Die Namen der Unterarten

Jene Unterart, die den nomenklatorischen Typus des Artnamens enthält, bekommt ein tautonymisches Autonym, das heißt, der Unterart-Beiname (= Subspecies-Epitheton) ist identisch mit dem Artbeinamen (= Art-Epitheton) und kommt automatisch zustande, der wird nämlich nicht ausdrücklich geschaffen und benötigt auch keine Beschreibung. (Im Fachjargon nennt man diese homotypische Unterart auch die „Nominatunterart“ oder „Nominatsippe“, weil sie dasselbe Epitheton wie die Art trägt.)

Im obigen Beispiel: Knautia arvensis subsp. arvensis.

Alle anderen Unterarten innerhalb dieser Art, also die heterotypischen, benötigen selbstverständlich Beschreibung, Angabe des nomenklatorischen Typus usw., wie sonst jedes Taxon. Im Burgenland: Knautia arvensis subsp. pannonica.

Homotypische und heterotypische Unterarten sind selbstverständlich völlig gleichberechtigt, der nomenklatorische Unterschied hat keinerlei sachlichen, taxonomischen Hintergrund. Die homotypische Subspezies ist bloß oft die zuerst beschriebene Sippe (obwohl sie gar nicht als Unterart, sondern ursprünglich als Art aufgefasst worden war). Die Unterscheidung von Unterarten ist meist eine nachträgliche Untergliederung der Art. Es ist daher unrichtig, die Nominat-Subspezies als die „typische“ Rasse oder die „Normalform“ oder dergleichen aufzufassen. Vielmehr ist bei Kulturpflanzen oft die phylogenetisch abgeleitete Kulturrasse die „Nominatrasse“, weil sie vor der Stammsippe entdeckt und beschrieben worden ist. Wird eine neue Art gleichzeitig mit zwei oder mehreren Unterarten beschrieben (der seltene Fall!), dann wird meist die mit dem größeren Areal als Nominat-Subspezies gewählt, was aber keineswegs notwendig ist.

Zu beachten ist auch, dass Unterarten selbstverständlich Teile der jeweiligen Art sind, so wie prinzipiell im hierarchischen System alle untergeordneten Taxa Teile des dazugehörenden übergeordneten sind. Diese logische Selbstverständlichkeit muss deshalb betont werden, weil das System in der Taxonomiegeschichte in früheren Zeiten nicht streng hierarchisch war. Da es auch heute noch vereinzelt Botaniker gibt, die ihr Fach nicht als Wissenschaft auffassen (sondern als Kunst oder Spielerei oder Esoterik) und demnach nicht logisch denken, findet man gelegentlich auch heute Reste jener alten, nicht-hierarchischen Denkweise (und zwar keineswegs bloß bei Amateuren).

Linnaeus und auch spätere Autoren betrachteten die Varietäten nämlich tatsächlich als Abweichungen von den Arten, als untypische, unordentliche Abwandlungen, gleichsam Abartigkeiten oder Missbildungen, Monstrositäten, jedenfalls gewissermaßen Ausnahmen, die nicht Bestandteil der „richtigen“, „typischen“ Art sind, nicht zur Art gehören, sondern außerhalb stehen, gleichsam ein unordentliches Anhängsel bilden. Es hieß in solchen Floren: Die Art „ändert ab: …“. In der Artbeschreibung wurden diese Abänderungen daher nicht berücksichtigt. In allen heutigen wissenschaftlichen Systemen umfasst die Art selbstverständlich alle ihre Unterarten und Varietäten; die Artbeschreibung darf sich also nicht auf die „typischen“ Populationen beschränken und die heterotypischen Unterarten (für die Varietäten gilt dasselbe) weglassen, als ob sie Schmuddelkinder wären. Vielmehr sind alle Unterarten und Varietäten genau so gleichberechtigte Bestandteile der Art wie alle Arten Bestandteile der Gattung und alle Gattungen Bestandteile der Familie usw. sind.

Gelegentlich trifft man in der floristischen Literatur auf Formulierungen, denen im Grund dieselbe Denkweise zugrundeliegt, die im heutigen konsequent hierarchischen System als Denkfehler abzulehnen ist: „Asarum ibericum steht dem A. europaeum sehr nahe und wird daher von manchen Autoren als Unterart von diesem aufgefasst“. Dies ist keine bloß hemdsärmelig-populäre Formulierung, sondern sie ist unlogisch und verfälscht auch den Sachverhalt. Denn selbstverständlich muss es richtig heißen: „… und daher werden diese beiden Sippen von manchen Autoren als Unterarten aufgefasst“. Tatsächlich geht es ja nicht um eine Unterordnung der einen Sippe unter die andere, sondern um eine Rangstufenänderung, die beide in gleicher Weise betrifft. Die beiden Sippen sind gleichermaßen als Arten wie als Unterarten einander nebengeordnet, und eine Änderung dieser Relation steht nicht zur Debatte, denn auch als Unterarten sind sie einander genau so nebengeordnet wie als Arten, bloß ihre Rangstufe hat sich geändert: von Art zu Unterart. Wird A. ibericum als Unterart bewertet, wird natürlich konsequenterweise A. europaeum ebenso zur Unterart. Die Redeweise „Unterart von einer Art“, die eine Unterordnung bezeichnet, ist also völlig verfehlt und irreführend. Hier spukt bloß wieder die schier unausrottbare Gleichsetzung von Bezeichnung und Begriff, also von Name und Taxon herein. Wie – nach der „Rangstufenabsenkung“ – der Name der gemeinsamen Art lautet, hat mit Taxonomie nichts zu tun, sondern unterliegt den ausschließlich formalen Richtlinien der Nomenklaturregeln: Asarum europaeum s. lat. besteht aus den beiden Unterarten subsp. europaeum (= A. europaeum s. str.) und subsp. caucasicum (= A. ibericum). Die „Nominat-Unterart“ ist der heterotypischen Unterart selbstverständlich gleichrangig und gleichwertig.

 

7. Varietäten und Formae

Variabilität: Die meisten Arten und Unterarten, jedenfalls die sich geschlechtlich fort­pflanzenden, sind mehr oder weniger stark variabel: Sie bestehen aus Populationen, die sich in ihrem Merkmalsbestand voneinander ± deutlich, wenn auch insgesamt nur ge­ringfügig unterscheiden, und auch innerhalb der Populationen gleicht kein Individuum völlig dem anderen, weil sie, als Folge der genetischen Durchmischung bei der ge­schlechtlichen Fortpflanzung, kleine Unterschiede in ihrem Erbgut aufweisen. Ausnah­men sind die klonal (durch vegetative Fortpflanzung wie Stockteilung, Ausläuferbil­dung, Brutknöllchen u. dgl.) entstandenen Individuen, die einander – wie eineiige Zwillinge – genetisch völlig gleichen. Für die Sippensystematik entscheidend ist aus­schließlich diese genetische (= genotypische) Variation; grundsätzlich unterliegen ihr alle Merkmale, d. h. alle können genetisch bedingt variieren.

In manchen, allerdings eher seltenen Fällen lassen sich innerhalb einer Art oder innerhalb einer Unterart Kleinsippen erkennen, die sich nur geringfügig voneinander unterscheiden und auch keine klaren Grenzen erkennen lassen. Wenn sie weniger Selbst­ständigkeit haben als Unterarten oder es sich um Teile von Unterarten handelt, verwen­det man die nächst-niedrigere Rangstufe, also die Varietät (= varietas [Betonung auf dem i]), früher auch „Abart“ oder „Spielart“ genannt. Beispiel: die Wildrasse des Echt-Kerbels (Anthriscus cerefolium var. longirostris), die sich von der Kulturrasse (var. cerefolium) nur sehr geringfügig (behaarte Frucht und Geschmacks-Nuance) unterscheidet.

Meist werden aller­dings die Unterarten als die Sippen mit dem niedrigsten Rang angesehen, und die „nach unten zu“ nächst-kleineren natürlichen („biologischen“) Einheiten sind die Po­pulationen.

Die Rangstufe der Varietät wird nämlich oft nicht für natürliche Ver­wandtschaftseinheiten, also echte Sippen, verwendet, sondern zur Bezeichnung von willkürlich herausgegriffenen Populationen, die sich durch sehr wenige, zwar oft auf­fallende, aber taxonomisch minderwertige Merkmale hervortun, und die mehrfach, hin und wieder auftretend, kein eigenes Areal und oft auch keine spezifische Standortsbin­dung erkennen lassen. In vielen Fällen, soweit keine Ergebnisse näherer Untersuchung vorliegen, bleibt unklar, was für ein biologischer Wert solchen ± auffallenden Ab­weichlern zukommt.

Für auffallend abweichende Individuen, Klone oder Populationen, die noch nicht aus­reichend untersucht sind, deren taxonomische Wertigkeit gänzlich unbekannt ist, wer­den auch zwei unverbindliche, rangstufen-neutrale Begriffe verwendet, nämlich Vari­ante und Morphotyp. Diese Ausdrücke verwendet man, wenn unklar ist, ob es sich überhaupt um eine Sippe, also eine Subspezies oder sonst eine genetisch differenzierte Einheit wie Varietät oder Forma handelt oder nicht bloß um eine taxonomisch belanglose Modifikante.

Für bewusst künstliche infraspezifische Gliederungen aufgrund eines einzigen Merk­malsbereichs wird der Begriff Deme verwendet: Morphodeme, Palynodeme, Karyo­deme, Chemodeme, Ökodeme usw.

Die Varietäten der Kulturpflanzen, die Kulturrassen, nennt man Sorten oder Cultivare (abgekürzt cv.); sie verdanken ihre Existenz der züchterischen Tä­tigkeit des Menschen, sind also nicht natürliche, sondern gleichsam künstliche Varietä­ten aufgrund von Domestikation.

Die unterste Rangstufe in der taxonomischen Hierarchie ist die der Forma (auch „Form“ genannt), sie bezeichnet Varianten, von denen bekannt ist, dass ihre genetische Grundlage ein einziges Allel ist, also Blütenfarbenmutanten wie z. B. bei Dactylorhiza sambucina / Holunder-Fingerwurz und Blüten-Albinos: Salvia pratensis f. alba ist die anthocyan-freie Mutante, deren Krone weiß gefärbt ist.

Das leider oft gedankenlos verwendete Wort „Form“ für alles und jedes sollte man vermeiden, weil oft nicht klar ist, ob die Rangstufe der Forma oder eine Sippe oder Variante oder gar bloß „Gestalt“ gemeint ist.

Theoretisch könnte man jeden einzelnen Genotyp (= Biotyp) einer gene­tisch variablen Art formal-taxonomisch als Forma auffassen. Sinnvollerweise wird man dies nur bei aus irgendeinem Grund bemerkenswerten Mutanten tun.

Varietäten (var.) und Formae (f.) werden in dieser Online-Flora nur ausnahmswei­se behandelt, oft bloß innerhalb der Merkmalsangaben erwähnt. Geschlüsselt werden nur jene Varietäten, die sich als natürliche Sippen auffassen lassen, deren Differenzie­rungsgrad aber nicht für den taxonomischen Status der Unterart ausreicht.

Verschiedenheiten im Phänotyp (phänotypische Variation) bei genetisch gleichen Indi­viduen, die demnach nicht genotypisch bedingt sind, nennt man Modifikationen, sie kommen durch direkte Einwirkung von Umweltfaktoren zustande und sind taxono­misch belanglos. Modifikanten sind Individuen, die sich durch eine Modifikation aus­zeichnen, d. h. durch ein oder mehrere Merkmale, die nicht erblich sind, sondern durch direkte Umwelteinflüsse auf das Individuum zustande gekommen sind. Beispiele: Ab­weichende Wuchsgröße (Mastexemplare) infolge von Überernährung (Düngung); Kümmerexemplare, zwergige Individuen (sog. Nanismen) infolge Unterernährung; Entwicklung größerer und/oder heller gefärbter Laubblätter an schattigen Standorten; schwächere bzw. stärkere Behaarung als Reaktion auf stärkere Feuchtigkeit bzw. Tro­ckenheit; krankhaft veränderte Gestalt (Missbildung, Verkrüppelung) von Organen infolge Pilzbefall oder Schädigung durch Tiere; „Windfahnen“-Gestalt von Baumkro­nen infolge langfristiger einseitiger Windwirkung. Auffallende Modifikationen sind die Land- und Wasser-Morphosen bestimmter amphibischer Arten, wie z. B. bei den Arten des Wasserhahnenfußes (der Untergattung Ranunculus subg. Batrachium) und beim Wasser-Knöterich / Persicaria amphibia, einer Art, die als Wasserpflanze Schwimm­blätter ausbildet, die sich von den Laubblättern auf nicht überschwemmtem, trockenem Standort beträchtlich unterscheiden. Modifikanten können zwar mit einem lateinischen Namen bezeichnet werden, dem die Abkürzung „mod.“ (für „modificatio“) vorange­stellt ist, haben jedoch keine taxonomische Rangstufe. – Grundlage der Sippensyste­matik und Taxonomie ist daher die Unterscheidung zwischen genetisch bedingten Merkmalen (die Sippen begründen) und Modifikationen.

 

8. Hybriden (= Bastarde)

So heißen die Produkte von Kreuzungen zwischen verschiedenen Sippen.

Übrigens heißt es in der Fachsprache richtig die Hybride (wegen [altgriech.-]latein. hybrida). Die männliche Form „der Hybrid“ ist vom deutschen Wort „der Bastard“ beeinflusst und abzulehnen.

Am wichtigsten sind die interspezifischen Hybriden, also die zwischen ver­schiedenen Arten. Solche treten in manchen Gattungen häufig, in anderen selten oder gar nicht auf. Sie sind in der Regel nur beschränkt fertil oder ganz steril (d. h., sie erzeugen kei­nen funktionsfähigen Pollen und/oder keine Früchte bzw. keimfähigen Samen) und weisen meist stark schwankenden Merkmalsbestand auf (oft auch intraindividuell, d. h. dass z. B. einige Laubblätter mehr dem einen Elter, andere hingegen mehr dem anderen Elter gleichen oder ähneln). Hybriden lassen sich meistens nur bei guter Kenntnis der El­ternarten als solche erkennen und identifizieren.

Häufig sind dagegen Hybriden zwischen Unterarten (ihre Existenz gehört ja meist zur Definition der Unterart). Solche Hybriden sind meist ± fertil und geben dann oft Anlass zur Bildung von Hybridschwärmen, d. h. die primären Hybriden (F1) kreuzen sich nicht nur untereinander, wobei (gemäß den Mendel-Gesetzen) ab der 2. Tochtergeneration „Aufspaltungen“ der Merkmale entstehen, sondern es kommen auch Rückkreuzungen mit den Eltern zustande, so dass der daraus resultierende Hybridschwarm die Elternarten ± kontinuierlich mitei­nander verbindet.

Für die Taxonomie (z. B. für die Entscheidung Art oder Unterart) maßgeblich ist grundsätzlich das Verhalten in den natürlichen Populationen. Es ist also wesentlich, ob Hybriden in der Natur, in den natürlichen Populationen entstehen oder bloß unter künstlichen Bedingungen, z. B. in Gartenkultur.

Sehr selten sind Hybriden zwischen Gattungen (intragenerische Hybriden). Sie deuten oft darauf hin, dass diese Gattungen gar keine „guten“ Gattungen sind, d. h., dass die Grenze zwischen den Gattungen der biologischen Situation vielleicht nicht wirklich gerecht wird, z. B. bei ×Gymnigritella, das sind Hybriden der Orchideengattungen Gymnadenia × Nigritella )– im Burgenland fehlend, weil es keine Nigritellen gibt (siehe Vöth 2004).

Hybriden werden in dieser Online-Flora vorläufig nicht behandelt, sondern höchstens ausnahmsweise erwähnt, um darauf aufmerksam zu machen, dass ein Bestimmungsversuch mögli­cherweise deshalb misslungen ist, weil eine unerkannte Hybride vorliegt. Deshalb wird bei manchen Gattungen auf das häufigere Vorkommen von Hybriden aufmerksam gemacht: z. B. bei den Gattungen Viola / Veilchen und Cirsium / Kratzdistel). – Die interspezifischen Hybriden benennen wir prinzipiell nur mit ihrer Hybridformel (z. B. Cirsium erisithales × C. palustre), da wir die binären Hybridnamen (die erwähnte Hybride heißt C. ×ochroleucum) für nichtssagend und deshalb für überflüssigen Gedächtnisballast halten.

Aus manchen Hybriden sind im Verlauf der Evolution Arten geworden (hybridogene Arten = „artgewordene Hybriden“), entweder durch Polyploidisierung (die einen dop­pelten Effekt hat, indem sie einerseits die Hybridsterilität aufhebt und andererseits Kreuzungsbarrieren zu den Eltern aufbaut, was beides Voraussetzungen zum Selbst­ständigwerden der Hybride sind) – die so entstandenen Arten nennt man allopolyploid – oder durch Reduktion bis Verlust der Sexualität mittels vegetativer Fortpflanzung, Autogamie oder Agamospermie. Solche sich obligatorisch (ausschließlich) asexuell fortpflanzenden Sippen nennt man Apomikten. Apomiktische Fortpflanzung ermöglicht es Hybriden, zu Arten zu werden.

Beispiele für Polyploidkomplexe (Diploide und Allopolyploide): Achillea millefolium agg.  / Artengruppe Echt-Schafgarbe; Leucanthemum vulgare agg. / Artengruppe Gewöhnliche Margerite.

 

9. Die Namen der Taxa (Nomenklaturregeln)

Aus der Tabelle der Rangstufen in Abschnitt 2 ist ersichtlich, dass die meisten Taxa mit einem einzigen Wort bezeichnet werden (uninominale Namen): von den höchsten Rangstufen bis herunter zur Gattung.

Wie ebenfalls aus der Tabelle ersichtlich, sind die Namen der Überordnungen vom Namen einer der untergeordneten Ordnungen, diese von einem Familiennamen und dieser wieder von einem Gattungsnamen abgeleitet. Das jeweils namengebende Taxon nennt man im Fachjargon das „Nominattaxon“. Auch hier ist zu beachten, dass es sich bei diesem Verfahren der Namengebung um ein rein formales Verfahren handelt, das inhaltlich (taxonomisch) absolut nichts bedeutet. Auch hier gilt das Prioritätsprinzip. Das Nominattaxon ist demnach in keiner Weise gegenüber den gleichrangigen nebengeordneten Taxa ausgezeichnet, also weder bezüglich Größe, Bedeutung, Merkmalsbestand oder in sonstiger sachlicher Hinsicht.

Beispiele und Erläuterungen dazu: Beispiel Euphorbiaceae / Wolfsmilchgewächse. Die Gattung Euphorbia ist für die Familie überhaupt nicht typisch, sie nimmt vielmehr ganz im Gegenteil eine Außenseiterposition ein, denn nur Euphorbia und ihre engsten Verwandten haben ein Cyathium, eine hochspezialisierte Sonderbildung, die den meisten Euphorbiaceen fehlt. Unsere Mercurialis / Bingelkraut ist viel repräsentativer für die Familie als die Nominatgattung Euphorbia.

Entsprechendes gilt übrigens auch für viele andere tropische Familien. Dies hat einen wissenschaftshistorischen Grund: Die Botanik ist in Europa entstanden, die meisten großen tropischen Familien sind in Europa aber nur durch ganz wenige untypische Außenseiter repäsentiert. Viele große Tropenfamilien sind demzufolge nach meist ganz untypischen europäischen Gattungen benannt, z. B. Araceae, Capparidaceae, Hypericaceae, Lauraceae, Loranthaceae, Moraceae, Myrtaceae, Oleaceae, Rubiaceae, Rutaceae, Verbenaceae, Violaceae. – Auf Gattungsebene gilt Entsprechendes: Berberis, Oxalis, Quercus usw.

Es ist üblich, Unterfamilien, Triben und Subtriben zwecks leichterer Verständlichkeit durch Doppelnamen zu bezeichnen, z. B. Asteraceae-Cardueae. Unterhalb der Gattung (infragenerische Taxa) bis zur Art sind die Namen binär, d. h. zweigliedrig, aus zwei Wörtern bestehend. Weil die Artnamen binär sind, spricht man fälschlich von „binärer Nomenklatur“, was ja unsinnig ist, weil nicht die Nomenklatur binär ist, sondern die Benennung bloß der Arten, die damit gemeint ist.

Der Artname Cardamine amara besteht aus dem Gattungsnamen (erstes Wort, mit großem Anfangsbuchstaben) und dem Artbeinamen (= Artepitheton, zweites Wort, mit kleinem Anfangsbuchstaben. Das Artepitheton wird oft irrigerweise „Artname“ genannt.) Den Gattungsnamen darf man nur dann abkürzen, wenn er aus dem Zusammenhang bekannt ist (wenn unmittelbar hintereinander mehrere Arten derselben Gattung aufgezählt werden). Andernfalls ist der Artname unverständlich. Sogar WissenschaftsjournalistInnen schreiben über den „Fadenwurm C. elegans“ („Die Presse“, 24.1.2015, S. 37), offenbar in der Meinung, dies sei eine hinreichende Benennung, ähnlich wie die eines Tatverdächtigen, der aus Gründen der Unschuldsvermutung öffentlich nur mit dem Vornamen bezeichnet werden darf. Auch im Medizinerjargon spielt die Biologie keine Rolle: „E. coli“ ist kurz und einfach, woher diese Bezeichnung kommt, was sie (etymologisch und biologisch) bedeutet, ist für den Mediziner irrelevant. Journalisten und Volksbildnern ist zu empfehlen, statt des zwar wissenschaftlich klingenden, aber den Schreiber als biologie-fern entlarvenden verkürzten Artnamens für Escherichia coli besser gleichbedeutend und allgemeinverständlich „Kolibakterie“ zu schreiben. Die einfachste und verständlichste Formulierung ist meist auch die wissenschaftlich beste.

Die Namen der Unterarten sind trinär, die der Varietäten bestehen sogar aus vier Wörtern (bzw. bei abgekürzter Schreibweise drei – wenn die Subspezies die Nominatsubspezies ist).

Nomenklaturregeln. Seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es weltweite Regeln für die Namengebung der Pflanzentaxa (sie sind unabhängig von denen für die Tiere). Nicht die Namen werden festgelegt, sondern nur die Regeln für die Benennung. Dies hat sich wegen der immer größer werdenden Zahl der Pflanzennamen im Lauf des 19. Jahrhunderts als notwendig erwiesen. Die Zahl der Namen stieg nämlich nicht nur wegen der Neuentdeckungen, sondern hauptsächlich deshalb, weil viele Taxa (Arten, Gattungen, Familien usw.) mehrfach benannt worden waren, einerseits aus gegenseitiger Unkenntnis, andererseits aus dem Bestreben, die Namen zu verbessern, passendere, treffendere Namen zu vergeben. Ursprünglich waren die Namen nämlich Beschreibungen, ähnlich wie unsere Familiennamen einst den Beruf des Namensträgers oder spezifische Eigenschaften angaben (Müller, Weber, Fischer, Weinzettl, Vogel, Adler …). Um das überflüssige Neubenennen zu beenden, wurden die Nomenklaturregeln geschaffen, die u. a. festlegen, dass jedes Taxon nur einen einzigen Namen tragen darf (Synonymieverbot) und umgekehrt jeder Name nur eine einzige Bedeutung haben soll (Homonymieverbot). Diese zweite Forderung kann allerdings aus grundsätzlichen Gründen nicht streng befolgt werden (siehe unter Taxonyme). Die Regeln werden auf jedem internationalen Botanikerkongress verfeinert, erscheinen daher alle 6 Jahre in neuer, verbesserter Fassung. Der aktuelle Nomenklatur-Code (ICN) heißt „International Code of Nomenclature for algae, fungi, and plants (Melbourne Code)“, er wurde im Juli 2011 auf dem 18. Internationalen Botanischen Kongress in Melbourne, Australien, beschlossen und 2012 veröffentlicht.

Bezüglich einiger weniger Familiennamen gibt es eine interessante Ausnahme, die wenig bekannt ist. Man trifft nämlich immer wieder auf die Meinung, der Name „Cruciferae“ sei falsch (ungültig), weil es richtig Brassicaceae heißen müsse. Das stimmt aber nicht. Die bereits weiter oben erwähnten großen und homogenen Familien gehören nämlich zu einer kleinen Gruppe (neun), denen die sonst so strengen Nomenklaturregeln eine Ausnahme gewähren: Es sind die einzigen Taxa, die zwei korrekte Namen tragen dürfen. Ein Grundprinzip der Regeln lautet bekanntlich, dass jedes Taxon nur einen einzigen Namen haben darf.

Der Artikel 18.5 des Nomenklatur-Codes (ICN) lautet:

„The following names, of long usage, are treated as validly published: Compositae (nom. alt.: Asteraceae; type: Aster L.); Cruciferae (nom. alt.: Brassicaceae; type: Brassica L.); Gramineae (nom. alt.: Poaceae; type: Poa L.); Guttiferae (nom. alt.: Clusiaceae; type: Clusia L.); Labiatae (nom. alt.: Lamiaceae; type: Lamium L.); Leguminosae (nom. alt.: Fabaceae; type: Faba Mill. [= Vicia L.]); Palmae (nom. alt.: Arecaceae; type: Areca L.); Papilionaceae (nom. alt.: Fabaceae; type: Faba Mill.); Umbelliferae (nom. alt.: Apiaceae; type: Apium L.). When the Papilionaceae are regarded as a family distinct from the remainder of the Leguminosae, the name Papilionaceae is conserved against Leguminosae.“

Anmerkung dazu: nom. alt. = nomen alternativum = gleichermaßen gültiger Name. Ein konservierter Name ist einer, der ausdrücklich in einer Ausnahmeliste als gültig erklärt wird, obwohl er regelwidrig ist. Der Gattungsname Faba ist gültig, auch wenn er in der gegenwärtigen Taxonomie nicht verwendet wird, weil man die Saubohne Faba bona als Art innerhalb der Gattung Vicia einstuft, weswegen Vicia faba der korrekte Name ist.

Im Folgenden werden einige verbreitete Fehlmeinungen betreffend die wissenschaftlichen („lateinischen“) Pflanzennamen korrigiert.

Gültig (legitim) vs. korrekt: Diese beiden Begriffe werden oft falsch verstanden. Gültig sind alle Namen, die den Nomenklaturregeln entsprechen. Korrekt hingegen ist jener gültige Name, der aufgrund einer bestimmten akzeptierten Taxonomie regelgemäß verwendet wird. Am einfachen obigen Saubohnenbeispiel: Wenn ich die Saubohne taxonomisch als Wickenart betrachte, ist der gültige Name Faba bona inkorrekt. Auch an diesem Beispiel ist der Unterschied zwischen Taxonomie und Nomenklatur völlig klar.

● Wissenschaftssprache der botanischen Taxonomie ist Latein, jedoch weder klassisches noch Schullatein, sondern neuzeitliches Gelehrtenlatein in jener speziellen Varietät des Neulateinischen, die die Pharmazeuten und später die Botaniker, insbesondere Linnaeus, seit der Renaissance bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts verwendeten, bevor es allmählich vom Amerikanischen Englisch ersetzt wird. Die Pflanzennamen haben eine lateinische Gestalt, obwohl viele nicht lateinischen Ursprungs sind, vielmehr sind sie etymologisch großteils altgriechisch. Viele Gattungsnamen haben eine traditionsreiche Geschichte, etliche reichen ins klassische Altertum zurück, manche stammen aus vorgriechischen, orientalischen Sprachen, wurden volksetymologisch gräzisiert und dann vom Lateinischen übernommen, gelangten über Kräuterbuchverfasser wie insbesondere den spätantiken Dioskurides über das Mittelalter und die arabischen Gelehrten Mittelasiens zu den neuzeitlichen Kräuterbuchautoren (der bedeutendste ist Leonhard Fuchs) und über die frühen Botaniker wie Gesner, Clusius, Caesalpinus, Bauhin, John Ray und Tournefort zu Linnaeus. Die Bedeutung dieser Namen ist allerdings in den meisten Fällen völlig unklar, es handelt sich um Wanderwörter, die geographisch und vor allem auch semantisch „wandern“. Erst Linnaeus, eigentlich der erfolgreiche Begründer der wissenschaftlichen Botanik, legte die Bedeutung der Namen, damit also die Taxa in seinen Werken fest, insbesondere in den epochemachenden „Species Plantarum“ (1753). Er, aber auch schon seine Vorgänger gingen dabei oft recht großzügig vor, indem sie die alten Sprachen hauptsächlich als Wörtersteinbruch benützten und zum Teil recht willkürlich den alten Pflanzennamen ganz andere botanische Bedeutungen beilegten: So wurde der altgriechische Lorbeer (daphne) zum Seidelbast, die lateinische Steineiche (ilex) zur Stechpalme, ein lateinischer Feigenname (carica) zur tropischen Papaya usw.

Die Nomenklaturregeln legen fest, dass die ursprüngliche botanisch-lateinische Schreibung der Namen nicht verändert werden darf. Solche Veränderungen haben vom Schulgriechisch und Schullatein verdorbene Botaniker vielfach durchgeführt, in der Meinung, das am klassischen Latein orientierte Schullatein wäre „richtiger“ als das etwa von Linnaeus und der botanischen Tradition verwendete. Die Eigenheiten des Botanischen Latein dürfen jedoch nicht geändert werden: Richtig ist daher sylvaticus (nicht „silvaticus“), Pyrola (nicht „Pirola“), Amaranthus (statt etymologisch richtig „Amarantus“) usw. So erklären sich auch schwankende Schreibungen wie bei den Wörtern caespitosus / cespitosus, laevigatus / levigatus, coeruleus / caeruleus; das gilt auch für neulateinische Kunstwörter wie styriacus / stiriacus: denn maßgeblich ist jeweils die Schreibung des Autors dieser Namen in der Erstpublikation. Korrigiert werden dürfen und müssen (mit sehr wenigen Ausnahmen) nur eindeutige Schreib-/Tippfehler.

Man sollte daher eigentlich nicht von „lateinischen“ Namen, sondern von botanisch-lateinischen oder „wissenschaftlichen“ Namen sprechen. Auch viele Fachausdrücke des Botanischen Latein haben eine andere Bedeutung als im klassischen Latein oder sind nur neulateinisch oder von den Botanikern geschaffen (amentum, bractea, calyx, corolla, gynoecium, ovarium, pedicellus, sepalum, stipula, tepalum usw.). (Vgl. Stearn 1966 … 1992.)

Dennoch ist die Sprache der Botaniker das Latein, und die Pflanzennamen werden nach den Regeln des Lateinischen betont. Dies gilt auch für etymologisch griechische, aber latinisierte Namen. Altgriechische Diphthonge bleiben auch im Lateinischen Diphthonge und werden daher lang gesprochen. Langvokale auf der vorletzten Silbe werden betont: giganteus (aus altgriechisch gigantaios); die Betonung des deutschen Wortes „gigantisch“ hat damit nichts zu tun. Ebenso heißt es Achillea, Aconitum, Anemone, Centaurea, Conium, Cyperus, edulis, Echinops, Erica, Heracleum, Melampyrum, Panicum, paradoxus, Phalaris, politus, procerus, radicans, Sinapis, Thesium, Tragopogon, Urtica, Veratrum usw.

Die drittletzte Silbe wird nur dann betont, wenn die vorletzte kurz ist: Man betont daher richtig: Asparagus, calycinus, Clematis, Helleborus, Polygonatum, sempervirens, Viola usw.

● Die wichtigsten Bestimmungen des Nomenklatur-Codes sind die Prioritätsregel und die Typus-Methode. Da Missverständnisse verbreitet sind, im Folgenden das Wichtigste in Kürze:
Die Regeln wirken in die Vergangenheit – im Unterschied zu Gesetzen des Rechtswesens, denn sie sollen es möglich machen, aus der Fülle an Synonymen, die sich insbesondere in der botanischen Literatur des 19. Jahrhunderts angereichert haben, nach objektiven Kriterien einen auszuwählen, der als richtig zu bezeichnen ist, d. h. als einziger verwendet werden darf. Dabei hat man sich zwar auf möglichst einfache Prinzipien geeinigt, was freilich nicht verhindern konnte, dass das Regelwerk insgesamt sehr kompliziert geworden ist (siehe: http://www.iapt-taxon.org/nomen/main.php) und dennoch immer wieder ergänzt und verfeinert werden muss.

● Die Nomenklatur ist insofern unabhängig von der Taxonomie, als sie auf taxonomische Entscheidungen keinen Einfluss nehmen darf, sie in keiner Weise präjudizieren darf. Das heißt: die taxonomische Entscheidung hat stets Vorrang. Vor jeder Entscheidung, welcher Name der „richtige“ ist, muss also die Definition des Taxons: sein Umfang, seine Rangstufe (z. B. Varietät oder Unterart oder Art) und seine Stellung (zum übergeordneten Taxon: Teil welcher Art ist die Unterart, zu welcher Gattung gehört die Art) festgelegt werden.

● Die Wortbedeutung und die historische Bedeutung der Namen ist gänzlich irrelevant. Die Nomenklaturregeln sind strikt formal, die Namen haben keinerlei Aussagekraft bezüglich der Bedeutung. Ähnlich wie die modernen Familiennamen und auch viele andere Eigennamen.

● Grundsätzlich gilt zwar Priorität (der älteste Name ist vorzuziehen, maßgeblich ist das Datum der Publikation), dennoch müssen etliche weitere Voraussetzungen erfüllt sein: Vor allem muss der Name (1) mit einer Beschreibung des Taxons (bis 2012 in Botanisch-Lateinisch, ab 1.1.2013 ist auch Englisch zulässig) und (2) mit der genauen Angabe eines nomenklatorischen Typus (siehe unten) verknüpft sein und (3) in gedruckter (neuerdings auch in elektronischer Form) publiziert worden sein. Die zeitliche Basis ist 1753 (Linnés „Species Plantarum“). Die Priorität gilt nur innerhalb der jeweiligen Rangstufe.

● Da es sich gezeigt hat, dass die Beschreibung grundsätzlich nicht genügen kann, weil die Genauigkeitsanforderungen im Nachhinein immer größer sind (z. B. konnte die Chromosomenzahl nicht angegeben werden, wenn deren Feststellung methodisch gar nicht möglich war), ist die Anfertigung eines so genannten nomenklatorischen Typus unerlässlich. Dabei handelt es sich (in der Regel) um ein herbarisiertes Pflanzenindividuum, das in einem öffentlich zugänglichen Herbarium auf Dauer hinterlegt ist: den Typusbeleg. Wie man diesen Typusbeleg im Nachhinein feststellt, ist nicht unkompliziert und verlangt zahlreiche Detailbestimmungen (und Ausnahmeregelungen), auf die hier nicht einzugehen ist.
Die Bezeichnung „Typus“ verursacht ein Missverständnis: Der nomenklatorische Typus muss nämlich keinesfalls typisch für das betreffende Taxon sein. (Eine solche zwar sachlich naheliegende Forderung würde einen Eingriff der Taxonomie in die Nomenklaturregeln bedeuten; d. h. Bewertungen erfordern, und solche dürfen in der Nomenklatur aber eben keine Rolle spielen, vielmehr müssen die Regeln streng formal und unabhängig von der Taxonomie sein, wenn sie ihren Zweck erfüllen sollen.) Der nomenklatorische Typus ist tatsächlich nicht selten ein für das Taxon untypisches Exemplar, ein Abweichler, eine Varietät. Beispiel: Die bekannte, häufige Fettwiesen-Art Cruciata laevipes ist nach einer untypischen Mutante benannt: Die Blütenstiele sind nicht wie normalerweise dicht behaart. sondern kahl („laevipes“ bedeutet „glatt“, gemeint ist hier kahl). Der älteste regelkonforme Name für diese Art ist leider dieser, der sich auf diesen untypischen Typusbeleg bezieht. Da dieses Exemplar, an dem der unpassende Name hängt, unzweifelhaft zu dieser Art gehört, lassen sich weder nomenklatorischer Typus noch Artepithet ändern.

● Bei Änderung des Umfanges des Taxons darf der Name nicht geändert werden, sofern der nomenklatorische Typus eingeschlossen ist (Art. 47 ICN). Ein einziges Individuum, wie es eben das Typusexemplar ist, kann naturgemäß nie das ganze Taxon, etwa die Art, mit der gesamten Variationsamplitude definieren, geschweige denn festlegen, welche Varietäten oder Unterarten dazugehören oder auszuschließen sind. Daraus folgt zwingend,

● dass Namen prinzipiell nicht eindeutig sein können, sondern immer eines Hinweises auf eine genaue  Beschreibung bedürfen, am einfachsten mit der Referenz auf eine Literaturstelle, wo eine ausreichende Beschreibung vorhanden ist, also auf ein Florenwerk oder eine taxonomische Monographie. Hilfreich ist oft auch die Angabe von (taxonomischen) Synonymen, aus der entnommen werden kann, welchen Umfang das mit dem Namen bezeichnete Taxon hat (unpräzise formuliert: „in welchem Umfang der Name zu verstehen ist“). Ein derart präzisierter Name heißt Taxonym (vgl. Fischer 2015). Eine grobe (ungenaue!) Hilfe, eigentlich bloß Warnhinweise, sind Zusätze zum Namen wie „s. str.“ (= im engen Sinn“ bzw. „s. lat.“ (= im weiten Sinn).

 

10. Synonyme

Synonyme sind Namen, die verschieden lauten, sich aber auf dasselbe Taxon beziehen. Sie sind allerdings nicht gänzlich zu vermeiden, weil dasselbe Taxon, wie oben gezeigt, verschiedene Namen haben muss je nach Einordnung und Rangstufe und auch Umfang. Dies sind taxonomische Synonyme, weil sie von der taxonomischen Bewertung abhängen. Wenn sie auf demselben nomenklatorischen Typus gründen, nennt man sie homotypische, andernfalls sind es heterotypische. Diese sind eigentlich potenzielle taxonomische Synonyme, denn es wäre theoretisch möglich, sie zu verschiedenen Taxa zu stellen (falls man der Meinung sein sollte, dass die beiden Typusindividuen gar nicht zum selben Taxon gehören).

Nomenklatorische Synonyme sind solche, die durch Nichtbeachtung oder unrichtige Auslegung des Nomenklatur-Codes zustande kommen, also auf einem formalen Fehler beruhen. Die Neubenennung eines Taxons, das bereits einen gültigen Namen hat, ist automatisch ungültig („nomen superfluum“ = überflüssiger Name). Das geschieht nicht selten auch heute, wenn bei einem neu entdeckten oder neu umgrenzten Taxon nicht ausreichend sorgfältig die gesamte ältere botanische Literatur darnach durchsucht wird, ob es nicht doch einen Namen gibt, dessen nomenklatorisches Typusindividuum in die Variationsbreite des neuen Taxons fällt, das, obwohl es ein neues Taxon ist, dann keinen neuen Namen tragen darf. Deshalb haben neue Taxa in neuen Taxonomien oft uralte (und oft unpassende) Namen. In früheren Zeiten sind nämlich viele Taxa beschrieben und benannt worden, die sich später als unhaltbar erwiesen haben, weswegen auch die Namen vergessen worden waren. Diese Namen sind aber nicht tot, sondern müssen, sofern sie gültig sind (regelgemäß veröffentlicht worden sind), auch für ganz modern begründete und definierte Taxa verwendet werden, sofern ihr nomenklatorischer Typus zu dem „modernen“ Taxon gehört, auch dann, wenn dieser Name ursprünglich für ein ganz anderes (anders definiertes) Taxon gedacht war.

Warum gibt es immer noch nomenklatorisch bedingte Namensänderungen? Dass es mehr als hundert Jahre nach der weltweiten Einigung auf Nomenklaturregeln immer noch Namen gibt, die diesen Regeln nicht gehorchen, mag überraschen. Die folgenden Hinweise sollen diese ärgerliche Situation verständlich machen.

(1) In der Praxis sind die Regeln keineswegs sofort und von allen Taxonomen akzeptiert worden. Lokale Traditionen der Verwendung vertrauter Namen wirkten stark hemmend auf die Akzeptanz der Regeln.

(2) Über lange Zeit hat man sich vielfach gescheut, offensichtlich unpassende und widersinnige Namen deshalb zu verwenden, weil sie regelgemäß sind (z. B. Luzula luzuloides, Picea abies). Um störende Änderungen von Familien– und Gattungsnamen zu vermeiden, sind seit Beginn der Nomenklaturregeln Ausnahmelisten vorgesehen: Nicht regelgemäße, aber vertraute Namen wurden „konserviert“ („geschützt“ gegenüber dem regelkonformen Namen). Denn ein Hauptziel der Regeln war und ist es, Stabilität zu erzeugen und nicht neue Namen zu schaffen.

(3) Lange Zeit gabe es jedoch für Artnamen keine solche Möglichkeit, weithin verwendete, wenn auch regelwidrige Namen zu konservieren: Verständlicherweise, denn man musste befürchten, eine Lawine loszutreten, was zur Folge hätte, dass jeder einzelne Artname individuell festgelegt, über jeden abgestimmt werden müsste, was dem Sinn des ganzen Regelwerks zuwiderlaufen würde. Die allgemeinen Regeln sollen ja genau verhindern, dass die Gültigkeit jedes einzelnen Artnamens festgelegt werden muss. Nach langen Diskussionen hat man sich allerdings schließlich doch dazu entschlossen, in ganz speziellen Ausnahmefällen mit sehr guter Begründung – aufgrund eines komplizierten Verfahrens der Nomenklaturkommission – eine Liste konservierter Artnamen zu schaffen (so wurde der regelkonforme Artname Erica herbacea zugunsten des regelwidrigen, aber auf Wunsch der Gärtnerlobby geschützten Namens Erica carnea verworfen).

(4) Noch bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gab es namhafte Botaniker, darunter sogar Fachleute für Nomenklatur, die sich weigerten, bestimmte Regeln anzuwenden, weil sie sie für unsinnig oder störend hielten. Die umfangreiche und fachlich exzellente 3-bändige Flora der Schweiz (2. Aufl. 1976–1980; 1. Aufl. 1967–1972) ignoriert sogar absichtlich die regelkonformen Namen zugunsten der Schweizer Tradition. Dies hatte zur Folge, dass die Schweizer Botaniker ein umfangreiches Synonymie-Lexikon schaffen mussten, um sich mit dem Rest der Welt zu verständigen.

(5) Ferner ist zu bedenken, dass es in Europa – im Unterschied zu anderen Kontinenten – ein überaus reiches botanisches Schrifttum gibt, das nach prioritätsberechtigten Namen zu durchsuchen einen großen Aufwand erfordert (der Startpunkt der Priorität ist 1753, der Startpunkt der Regeln jedoch 1905!; in diesem Zeitraum blühte in Europa die taxonomische Forschung, was eine gewaltige Produktion botanischer Schriften zur Folge hatte).

(6) Schließlich gab es lange Zeit große Unsicherheit, widersprüchliche Meinungen über die Typisierung Linné’scher Namen, die erst vor wenigen Jahren durch gezielte Untersuchungen und Übereinkünfte beigelegt worden sind (Jarvis 2007).

 

11. Homonyme

Homonyme sind dadurch zustande gekommen, dass bei Nichtbeachtung der Regeln, vor allem in Zeiten, in denen es noch keine verbindlichen Regeln gegeben hat, derselbe Name für ganz verschiedene Taxa vergeben worden ist. Insbesondere bei mangelndem Kontakt zwischen den Forschern in verschiedenen Ländern sind solche heterotypischen Homonyme immer wieder vorgekommen. Das war bis weit ins 19. Jahrhundert gar nicht sehr selten der Fall. Homonyme unterschieden sich am nomenklatorischen Autor, der dem Taxonnamen beigefügt werden darf (Art. 46 ICN). Die Nomenklaturregeln entscheiden (und das war einst eine ihrer wichtigsten Aufgaben), welcher der gültige Name ist – in der Regel der ältere, denn jüngere Homonyme gelten als automatisch ungültig.

Anmerkung: Es ist weithin üblich, an den Taxonnamen den nomenklatorischen Autor anzufügen, meist in abgekürzter Form, z. B. „L.“ = Carl Linnaeus (= Carl von Linné). Eine fast immer unnötige und missverständliche Praxis, denn der nomenklatorische Autor bezieht sich nur auf den Namen (er ist der Schöpfer des Namens), gemäß den Nomenklaturregeln jedoch nicht auf das Taxon, obwohl dieser Autor bei der Vergabe des Namens sehr wohl mit dem Namen ein bestimmtes Taxon bezeichnet hat. Das Taxon aber kann, wie erläutert, geändert werden, ohne dass sich der Name ändern darf, denn dieser Taxonname ebenso wie der seines Autors hängt ja nur an einem einzigen Individuum, dem Typusexemplar, das zur Bezeichnung des Taxons verwendet wird. Anders ausgedrückt: Der nomenklatorische Typus, an dem auch der nomenklatorische Autor hängt, ist eine zur Benennung dienende Markierung des Taxons (österreichisch: ein „Mascherl“), er definiert aber nicht das Taxon, kann das grundsätzlich nicht, weil ein einziges Individuum nicht ausreichend aussagen kann, welche Merkmale insgesamt, welche anderen Individuen, Populationen bzw. Taxa zu diesem selben Taxon dazugehören. Ohne Angabe der Definition des Taxons ist dessen Name allein nicht eindeutig. Um ihn eindeutig zu machen, muss der Hinweis auf die taxonomische Definition beigefügt werden, dann spricht man von einem Taxonym.

Was bedeutet Veronica hederifolia? Mit oder ohne V. sublobata?
Was ist Centaurea jacea? Mit oder ohne C. angustifolia (= C. pannonica)?
Was ist Anchusa arvensis? Mit oder ohne subsp. orientalis?
Was ist Buglossoides arvensis? Mit oder ohne B. incrassata?
Was umfasst Pimpinella saxifraga? Ist P. nigra dabei oder nicht?
Was bedeutet der Gattungsname Polygonum? Inklusive Fallopia? Inklusive Persicaria?
Persicaria? Inklusive oder exklusive Bistorta?
Buglossoides? Mit oder ohne Aegonychon?
Was ist Senecio? Inklusive oder exklusive Tephroseris? Inklusive oder exklusive Jacobaea?
Was ist mit Scrophulariaceae, mit „Plantaginaceae, mit Malvaceae, mit Amaranthaceae gemeint?
Sind die Gattungen Limosella, Veronica, Rhinanthus, Callitriche eigentlich Scrophulariaceen, Plantaginaceen oder Orobanchaceen?

Sehr viele (grundsätzlich alle) Pflanzennamen sind – ohne taxonomische Referenz – mehrdeutig, also Homonyme.

Die Beifügung des nomenklatorischen Autors bzw. der Autorin (oft sind es mehrere AutorInnen) ist so weit verbreitet, dass viele meinen, dies sei sinnvoll oder sogar notwendig. Nicht alles, was alle machen, ist deshalb sinnvoll, denn Nachahmen ohne Nachdenken gehört zu unseren urmenschlichen Eigenschaften (Primaten-Merkmal). Die – für die meisten unverständlichen –  meist abgekürzten Autorenbezeichnungen klingen (für nicht wenige Menschen wegen deren Unverständlichkeit) „wissenschaftlich“ und/oder sie erwecken den Eindruck, sie würden die Bedeutung des Taxonnamens präzisieren, weil weithin unbekannt ist, was sie tatsächlich bedeuten (nämlich ein abgekürztes, unvollständiges und meist unbrauchbares Zitat des Protologs sind, der sich aber eben auf den Namen und nicht auf das Taxon bezieht). Die wenigen, denen die Bedeutung der Autorenzitate geläufig ist, scheuen sich dennoch, sie (z. B. in Exkursionsfloren) wegzulassen, nämlich aus Angst, der Unwissenschaftlichkeit geziehen zu werden. Absurd? Ja! Näheres dazu bei Fischer 2000, 2015.

Um (heterotypische) Homonyme voneinander zu unterscheiden, ist es bekanntlich in den allermeisten Fällen praktikabler, Synonyme anzuführen, weil diese eher erraten lassen, was gemeint ist, als die Beifügung des nomenklatorischen Autors. Übrigens gibt es in einigermaßen gut erforschten Florengebieten (wie Europa) längst keine heterotypischen Homonyme mehr. Die Begründung, die Nennung der nomenklatorischen Autoren wäre wegen der Homonyme nötig, ist daher in der Regel nichts als eine läppische Ausrede, nämlich der Versuch, einen stumpfsinnigen Usus krampfhaft zu rechtfertigen.

Homotypische Homonyme kommen dadurch zustande, dass verschiedene Taxa zwar verschieden definiert sind (veschiedenen Umfang haben), sie jedoch denselben nomenklatorische Typus einschließen und daher denselben Namen tragen müssen. Denn, wie schon weiter oben festgehalten: der Name hängt immer nur an einem einzigen Individuum, dem Typusindividuum, nie am Taxon!

 

12. Warum ändern sich die Pflanzennamen?

„Die deutschen Namen ändern sich von Ort zu Ort, die lateinischen von Zeit zu Zeit“.

Ein häufig anzutreffendes Missverständnis ist die Meinung, dass die Namen für die Pflanzentaxa zentral und global (diktatorisch oder demokratisch) festgelegt würden, sodass sie sich nie ändern können. Dem liegt ein Denkfehler zugrunde, nämlich die Verwechslung oder Gleichsetzung von Taxon (Begriff) und Name (Bezeichnung, Wort). Die Taxa sind Resultat der Wissenschaft, beruhen auf dem jeweiligen Stand der Taxonomie, es werden ständig neue Taxa entdeckt oder im Zuge der botanischen Forschung geschaffen, im steten Bemühen, die in der Natur vorhandenen Sippen zu erfassen, zu definieren und nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten zu ordnen (vgl. dazu die Einleitung zu Flora/System der Gefäßpflanzen des Burgenlandes).

Viele Pflanzenfreunde, insbesondere Floristen und Vegetationsökologen, aber auch andere Fachbotaniker und „angewandte Botaniker“, die der Taxonomie fernstehen, fragen sich, warum sich die Pflanzennamen so oft („dauernd“) ändern. Sie empfinden solche Änderungen als Belästigung, insbesondere deshalb, weil sie die Gründe nicht durchschauen.

Kurz zusammengefasst sind es vier Gründe, die Namensänderungen bewirken. In den meisten Fällen handelt es sich um taxonomisch begründete Änderungen (1 bis 3):

(1) Zuordnung zum höherrangigen Taxon.

Die binäre Benennung der Arten hat den Vorteil, zugleich die nächste Verwandtschaft (Gattungszugehörigkeit) zu erfahren. Dies wird mit dem Nachteil erkauft, dass sich bei Veränderung der Gattungszugehörigkeit zwangsläufig der Name ändert.

Bei der Überführung einer Art in eine andere Gattung muss das Epitheton gleich bleiben (das grammatische Geschlecht wir jedoch mit dem der Gattung übereingestimmt), außer es gibt das Epitheton in der „neuen“ Gattung bereits, oder es gibt dort für dieselbe Art schon ein älteres Epitheton, weil die Art schon früher einmal in dieser Gattung war. Tautonyme (Epitheton gleichlautend mit dem Gattungsnamen) sind nicht erlaubt.

(a) Der Umfang der Gattungen wurde verändert:

Asperula odorata → Galium odoratum
Orchis palustris → Anacamptis palustris
Coronilla varia → Securigera varia

(b) Die Gattungen wurden vereinigt („gelumpt“):

Dentaria bulbifera → Cardamine bulbifera

(c) Die Gattung wurde aufgeteilt („gesplittet“):

Arabis turrita → Pseudoturritis turrita
Pyrola secunda → Orthilia secunda
Senecio ovirensis → Tephroseris longifolia
Aster tripolium → Tripolium pannonicum
Hieracium pilosella → Pilosella officinarum
Lithospermum purpureo-coeruleum → Buglossoides purpurocaerulea → Aegonychon purpurocaeruleum
Centaurea cyanus → Cyanus segetum
Monotropa hypopitys → Hypopitys monotropa

(2) Änderung der Rangstufe:

Da jeder Name die Rangstufe angibt, muss er sich bei Rangstufenänderung verändern. Die Prioritätsregel gilt nur innerhalb derselben Rangstufe.

Veronica hederifolia subsp. lucorum → Veronica sublobata
Anchusa arvensis subsp. orientalis → Anchusa ovata
Centaurea jacea subsp. angustifolia → Centaurea angustifolia (= C. pannonica)
Helianthemum ovatum → Helianthemum nummularium subsp. obscurum
Jovibarba hirta → Jovibarba globifera subsp. hirta

Beispiel für Änderung der Gattungszugehörigkeit und der Rangstufe:

Ranunculus calthifolius → Ranunculus ficaria subsp. nudicaulis → Ficaria calthifolia

(3) Änderung des Taxon-Umfangs:

Splitting und Lumping (die Beispiele beziehen sich auf Änderungen des Artumfangs)

(a) Splitting:

Galium glaucum [s. lat.] → G. eruptivum + G. glaucum [s. str.]
Atriplex littoralis [s. lat.] → A. intracontinentalis + A. littoralis [s. str.]

Scheinbares Splitting (die beiden Arten wurden bloß in Österreich nicht unterschieden):

Buglossoides arvensis [s. lat.] → B. incrassata + B. arvensis [s. str.]

(b) Lumping:

Verbascum austriacum + V. chaixii [s. str.] → V. chaixii [s. lat.]
Artemisia salina + A. monogyna → A. santonicum
Muscari neglectum
[s. str.] + M. racemosum → M. neglectum [s. lat.]

Zu beachten: Die Änderungen der Taxa sind taxonomisch (wissenschaftlich) begründet, die Änderungen der Namen hingegen folgen den Nomenklaturregeln, d. h. sie beruhen auf streng formalen (Prioritätsregel!) und nicht auf sachlichen Gesichtspunkten: Die Größe und Rolle (Wichtigkeit) des Taxons und die Wortbedeutung der Namen sind gänzlich irrelevant.

(4) Nomenklatorisch begründete Änderungen:

Sie sind seltener und kommen dadurch zustande, dass Nomenklaturregeln bisher irrtümlich (oder auch absichtlich) nicht beachtet worden waren oder dass sich Regeln geändert haben oder dass über die Typisierung (den maßgeblichen Holotyp) keine Einigkeit bestand oder eine Lektotypisierung nicht regelkonform vorgenommen worden ist.

Sesleria varia → S. albicans → S. caerulea (Linné’scher Name mit über lange Zeit unklarer Typisierung)
Stipa joannis → Stipa pennata s. str. (Lektotypisierungsänderung)
Picea excelsa → Picea abies (das regelkonforme Epithet wurde wegen dessen unsinniger Wortbedeutung unterdrückt)
Luzula albida → Luzula luzuloides (obwohl die wörtliche Übersetzung „hainsimsenähnliche Hainsimse“ unsinnig ist)
Festuca pseudovina → Festuca pulchra
Minuartia fastigiata → Minuartia rubra

Faustregel: Je dümmer die Wortbedeutung eines Namens, umso eher ist es der nomenklatorisch korrekte Name. Historisch voll verständlich: Je älter der Name, umso weniger gut bekannt war das Taxon; die Namen wurden daher im Lauf der Zeit verbessert, die Nomenklaturregeln im Bemühen um Stabilität erlauben das aber nicht.

 

13. Deutsche Pflanzennamen

Das häufigste Missverständnis betrifft die Gleichsetzung oder Verwechslung der Volksnamen (= Vernakularnamen, Dialektnamen, „Trivialnamen“, das sind die, die „von Ort zu Ort wechseln“) mit den Büchernamen. Die Büchernamen sind künstliche Fachausdrücke, von Botanikern geschaffen und in den Botanikbüchern verwendet, um der verwirrenden Fülle der lokalen Volksnamen, die sehr viele Homonyme enthalten, zu entkommen und Namen für die vielen Pflanzen zu schaffen, die keine volkstümlichen Namen haben, weil sie weder als Nutzpflanze noch als lästiges „Unkraut“ auffällig waren oder sind.

Die Büchernamen halten sich weitgehend an die wissenschaftlichen (botanisch-lateinischen) Namen, sind meist bloß Übersetzungen (Cynoglossum = Hundszunge). Die meisten Gattungen haben keine Volksnamen; diese sind vielmehr fast durchwegs Artnamen oder Namen für Artengruppen: Johanniskraut = Hypericum perforatum; Baldrian = Valeriana officinalis, Schafgarbe = Achillea millefolium agg.

Die deutschsprachigen Botaniker hatten nun, als sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts von der botanischen Sprache (dem Botanischen Latein) dazu übergegangen sind, dem Trend der damaligen Zeit folgend, die hohe Wissenschaft ins Deutsche zu übersetzen, die problematische Idee, auch die Gattungen deutsch zu benennen, was bis heute zu Missverständnissen führt: „Baldrian“ bedeutet nun nicht mehr das berühmte Heilkraut, sondern eine große Gattung, die hauptsächlich aus Nicht-Baldrianen besteht. Und „Goldrute“ nennen die heutigen Naturschutzökologen eine invasive nordamerikanische Art, die der eigentlichen, heimischen, echten Goldrute (Solidago virgaurea) kaum ähnelt und ökologisch mit ihr nichts zu tun hat, nur weil sie taxonomisch zur Gattung Solidago gestellt wird und die Gattungen alle einen deutschen Namen haben, der oft eigentlich ein Artname ist – und sei er noch so irreführend und überflüssig. Näheres über deutsche Pflanzennamen bei Fischer 2001, 2002, 2005, 2006, 2011.

Für die deutschen Büchernamen gibt es keine Regeln. Sinn und Wert deutscher Büchernamen ist nicht unumstritten: Sollen sie sich streng an die wissenschaftliche Nomenklatur anlehnen, mit ihr genau parallel gehen? Wozu dann diese Parallelnomenklatur? Weil sich Kinder, Lehrer und Naturschützer vor Latein und Griechisch fürchten?

Auch die deutschen Namen sind Eigennamen, die meist keine Auskunft über das betreffende Taxon geben. Das gilt auch für Vernakularnamen. Viele sind traditionsreich, ihre Etymologie nicht ohneweiters zu erkennen, ihre Wortbedeutung ist heute oft unverständlich, weil sie durch Verdeutschung entstandene Verballhornungen uralter griechischer oder lateinischer oder arabischer Pharmazeuten- und Apothekernamen sind: Osterluzei ist entstanden aus Aristolochia („beste Geburt“), Odermennig aus Agrimonia (griechisch-lateinischer Pflanzenname heute unbekannter Bedeutung), Gamander aus chamaedrys („Bodeneiche“), Günsel aus consolida („festmachen, zusammenwachsen“), Baldrian aus Valeriana, Enzian aus Gentiana, Kamille aus chamaemelum („Bodenapfel“) usw. Aber auch verständlich klingende Namen bedürfen einer Erläuterung oder bleiben unverständlich, weil die Etymologie ungeklärt ist oder weil sie sich nicht auf die Gattung, sondern nur auf eine einzige Art oder gar nur auf eine Kulturrasse oder Missbildung beziehen: Alant, Habichtskraut, Hundszahn, Immenblatt, Labkraut, Schneeball, Waldrebe. Ärgerlich sind insbesondere jene deutschen Namen, die taxonomisch in die Irre führen: Alpenveilchen (nur teutonisch), Hainbuche, Bitterklee, Kapuzinerkresse, Moosfarn, Simsenlilie, Sumpfquendel, Waldhyazinthe.

Die geläufigsten deutschen Pflanzennamen sind übrigens offensichtlich nicht deutsch und führen das Argument, man könne sich fremdsprachige Namen nicht merken, ad absurdum: Calla, Chrysantheme, Clivie, Gladiole, Hyazinthe, Iris, Melisse, Narzisse, Orchidee, Pelargonie, Begonie, Philodendron, ebenso wie Akazie, Akelei, Anemone, Berberitze, Diptam, Karotte, Kastanie, Paprika, Pastinak, Primel, Tulpe, Zichorie, Zitrone usw.

Auch die deutschen Büchernamen weisen zahlreiche Synonyme auf. Im Deutschen gibt es nur wenige Bemühungen um Standardisierung, hauptsächlich deshalb, weil man sich über die dabei maßgeblich sein sollenden Gesichtspunkte nicht einig ist. Vorschläge für Verbesserungen der deutschen Pflanzennamen gab es zwar mehrfach, darunter auch zahlreiche Neuschöpfungen, durchgesetzt hat sich aber fast nichts (vgl. Fischer 2002). Dazu kommt, dass sich die schriftsprachlichen Varietäten des Deutschen (Schweizerisch / Helvetismen, Österreichisch / Austriazismen, Deutschländisch / Teutonismen) auch bei den Pflanzennamen widerspiegeln (Fischer 2006). Trotz der grundsätzlichen Skepsis bezüglich der Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit einer konsequenten und taxonomisch konsistenten deutschen Nomenklatur versucht die Exkursionsflora für Österreich etc. (Fischer & al. 2008) deutsche Standardnamen für die Taxa aller Rangstufen vorzuschlagen; diese werden auch hier, in der Burgenlandflora, an erster Stelle genannt. Die zugrundegelegten Überlegungen finden sich bei Fischer 2001.

 

14.  Empfehlungen für deutsche Büchernamen

Einige grundsätzliche Überlegungen zuvor. Es gilt, aus der Fülle der deutschen Büchernamen für die Familien, Gattungen und Arten, wie sie in den deutschsprachigen Florenwerken anzutreffen sind, die besten auszuwählen. Was aber sind die besten? Die Qualitäts-Gesichtspunkte sind recht verschieden. Allgemein ist zu bedenken, dass die meisten Florenwerke von Botanikern geschrieben sind, die sich auf die wissenschaftlichen Namen konzentrieren, den deutschen Namen hingegen (verständlicherweise!) keinerlei Beachtung schenken, sondern sie bloß von irgendeiner Quelle unbesehen und unbedacht übernehmen, bloß um der Tradition und den Wünschen der Verleger und der Schullehrer Rechnung zu tragen. Die weite Verbreitung von Namen sagt daher wenig über deren Qualität. Die Tradition, auch den Gattungen, also wissenschaftlichen Konstrukten, einen deutschen Namen zu verpassen, ist im Deutschen rund 200 Jahre alt. Wie schon weiter oben erläutert, ist dadurch eine Hauptquelle für Missverständnisse geschaffen. Übersetzungen der wissenschaftlichen Namen ins Deutsche sind entweder ärgerlich oder verführen zur Meinung, man könne die Wortbedeutung ernst nehmen, und lassen vergessen, dass es sich um Eigennamen handelt. Außerdem gibt es die sonderbare (Minderheiten-)Meinung, die möglichst exakte Übersetzung des lateinischen Namens wäre der beste deutsche Büchername. Damit legt man jenen, die sich auf die deutschen Namen verlassen, weil sie die wissenschaftlichen scheuen, geradezu absichtlich Fallstricke. Dennoch ist in manchen Fällen eine Nähe zum wissenschaftlichen Namen sinnvoll. Vom deutschen Büchernamen auf den wissenschaftlichen zu schließen, ist jedoch keinesfalls ratsam und auch unnötig, weil es keinerlei botanisch ernst zu nehmende Publikationen geben darf, die nicht auch die  wissenschaftlichen Namen angeben.

Wir hingegen legen Wert darauf, unsinnige und irreführende Namen so weit wie möglich zu vermeiden. Dies ist zwar nur in beschränktem Ausmaß möglich, weil Namen eben Eigennamen und keine Beschreibungen sind und wir im Schrifttum eingebürgerte Namen generell womöglich nicht ersetzen wollen, weil eine gewisse Beständigkeit auch bei den deutschen Namen anzustreben ist. Dies gilt vor allem für Gattungsnamen. In der Geschichte gab es mehrfach eindrucksvolle Versuche, nach bestimmten Prinzipien völlig neue deutsche Gattungsnamen zu schaffen (Meigen 1898 und insbesondere Grassmann 1870). Wir hingegen vermeiden weitestgehend die Schaffung neuer Namen. Nur in den sehr wenigen Fällen, in denen es nur unpassende Namen gibt, schlagen wir einen neuen Namen vor.

Dass zur Schaffung passenderer Namen oft Synonyme herangezogen werden, ist naheliegend, üblich und sinnvoll.

Sachlich und logisch unpassende Gattungs- und Artnamen müssen also auch bei den sorgfältig ausgewählten Büchernamen in Kauf genommen werden: Die Aufrecht-Waldrebe und die Ganzblatt-Waldrebe sind weder Lianen noch Waldpflanzen. Das Purpur-Knabenkraut hat braunrote, nicht purpurne Blüten usw. usf.

Ferner meinen wir, dass die deutschen Büchernamen möglichst genau der jeweils akzeptierten Taxonomie entsprechen sollen, was bedeutet, dass neue Gattungen auch neue Namen bekommen, ohne dass wir uns dabei an formale Regeln ähnlich denen des ICN halten: So bleibt nach Aufspaltung von Polygonum s. lat. der Gattungsname Knöterich bei Persicaria als der größeren Segregatgattung (bei der auch eher die namengebenden „Knoten“ am Stängel zu sehen sind). „Täschelkraut“ geht zu Noccaea, wohingegen Thlaspi s. str. das bisherige Synonym „Hellerkraut“ tragen muss. Wir gehen grundsätzlich von der Annahme aus, dass auch die Verwender deutscher Büchernamen botanisch interessiert sind. Andernfalls würden ihnen ja die volkstümlichen Namen genügen. Die umgekehrte Position, dass für die an der Botanik und Taxonomie Interessierten ohnehin die wissenschaftlichen Namen zur Verfügung stünden und die deutschen Namen bloß dazu dienten, einer oberflächlichen, nicht ernst gemeinten „Blümchenkunde“ Vorschub zu leisten, lehnen wir ausdrücklich ab. Deutsche Pflanzennamen dürfen keinen Vorwand für Unseriosität bieten. Ernsthaftes Interesse muss natürlich nicht das Anstreben perfekter Floristikkenntnisse bedeuten. Das hierarchische System bietet viele Möglichkeiten, der wissenschaftlichen Neugier Einhalt zu gebieten: Wem die Unterart „zu genau“ ist, der bescheide sich mit der Art; wem auch diese nicht wichtig genug ist, der begnüge sich mit der Artengruppe oder mit der Sektion oder mit der Untergattung. Und schließlich ist auch die korrekt bestimmte Gattung ein wissenschaftlich seriöses Ergebnis. In fremden Florengebieten ist nicht selten auch der Fachbotaniker mit der Kenntnis der Tribus, der Unterfamilie oder gar der Familie zufrieden.

Die hier vorgeschlagene deutsche Nomenklatur versucht, botanisch-taxonomisch exakte Information zu bieten und hat insofern wissenschaftlichen Charakter. Nachteile bzw. Einwände: (1) Es gibt (noch?) keine Standardisierung; (2) es handelt sich um eine Parallele zur ohnehin vorhandenen botanisch-lateinischen Nomenklatur, weswegen man eine solche wissenschaftliche deutsche Nomenklatur als überflüssig qualifizieren kann.

● Einige Gattungen haben keinen umfassenden deutschen Gattungsnamen, z. B. Artemisia, Prunus, Vaccinium. An dessen Stelle folgt eine Aufzählung von Namen für infragenerische Taxa oder Artengruppen oder einzelne Arten, die durch „und“ verbunden sind, um sie von Synonymen zu unterscheiden. Vaccinium heißt (nur im Burgenland!) daher „Heidelbeere und Preiselbeere“.

● In manchen Gattungen tritt der deutsche Büchername einer Untergattung oder einer Sektion im Artnamen an die Stelle des Gattungsnamens: Viola arvensis = Acker-Stiefmütterchen, denn Viola sect. Melanium heißt Stiefmütterchen; Lonicera sect. Lonicera = Heckenkirsche; Lonicera sect. Caprifolium = Geißblatt; Cardamine sect. Dentaria = Zahnwurz.

● Arten werden womöglich binär benannt, nach dem Vorbild der wissenschaftlichen Namen, was einzelne gut begründete Ausnahmen nicht ausschließt (Galium odoratum = Waldmeister; Duft-Labkraut ist ein Alternativname).

● Die Artbeinamen (Artepitheta) sollen kurz und sprachlich korrekt sein. Gewöhnung an Namen ist jedoch kein Maßstab für sprachliche Korrektheit! Manche Namen sind altehrwürdig und vertraut, deshalb aber weder schön noch korrekt. Die lebendige Sprache hat Vorzug vor botanischer Papiersprache, auch wenn diese durch Tradition geheiligt erscheint. Wir schreiben daher Gelb-Segge – welchem Förster würde es einfallen, Alnus glutinosa „Schwarze Erle“ zu nennen? – und folgen damit weitgehend Janchen 1951: Sichelblatt-Hasenohr, Durchwachs-Hasenohr („Durchwachs“ war übrigens bei Leonhard Fuchs [1543] ein Uninom für diese Art), Groß-Sterndolde, Österreich-Salbei usw.

● Wir vermeiden die grammatisch und semantisch falschen Genitive bei Dedikationsnamen, sondern schreiben richtig Kitaibel-Witwenblume, Jacquin-Stielfrucht (wie ja auch der Haydn-Platz keineswegs Haydns Platz ist und auch der Beethovenweg nicht Beethovens Weg war).

● Stehen traditionelle österreichische Namen zur Verfügung, so bevorzugen wir diese, falls sie uns nicht allzu dumm erscheinen; jedenfalls folgen wir der (oft archaischen) österreichischen Tradition, wenn der österreichische Name historisch und sachlich berechtigter ist als der in anderen schriftsprachlichen Varietäten der deutschen Hochsprache übliche (siehe Fischer 2006). Kurzum: Juncus = Simse; und die „Binsen“ sind Cyperaceen der ehemaligen Großgattung Scirpus, insbesondere Schoenoplectus. Die als Flechtmaterial einst sehr wichtige Binse schlechthin ist Schoenoplectus lacustris; auch wenn gelegentlich notgedrungen auch Juncus-Arten verwendet und sprachlich nicht unterschieden worden sind.

● Artengruppen können wie Arten und deren Arten (Kleinarten) wie Unterarten benannt werden (in diesem Fall sind die deutschen Büchernamen taxonomisch aussagekräftiger als die wissenschaftlichen!): Potentilla verna agg. = Frühlings-Fingerkraut; Potenilla incana (= P. arenaria) = Sand-Frühlings-Fingerkraut.

● Unterarten werden trinär benannt, wobei das Subspezies-Epitheton in der deklinierten Adjektivform aufscheinen darf, um einerseits hässliche lange, kettenförmige Koppelungen zu vermeiden und andererseits auf die subspezifische Rangstufe aufmerksam zu machen: Kambrischer Dichtschuppen-Wurmfarn, Flaumige Blau-Quecke; wofür jedoch kein Zwang besteht: Plattensee-Kamm-Laichkraut, Frühlings-Brand-Keuschständel.

● Gibt es im Gebiet (im Burgenland) nur eine einzige Art einer Gattung, kann, wenn keine Verwechslungsgefahr besteht, der Kürze halber, das Artepitheton wegfallen: Parnassia palustris = Herzblatt; Camphorosma annua = Kampferkraut. Dabei ist jedoch zu bedenken, dass einerseits die Botaniker heute mehr denn je weltweit unterwegs sind und andererseits viele Arten kultiviert werden, denen manche Liebhaber und Gärtner und Blumenhändler gern deutsche Namen aufzwingen. Streng genommen und um Missverständnisse auszuschließen, sollten daher nur die Arten weltweit monospezifischer Gattungen uninominal benannt werden.

● Gibt es im Gebiet nur eine einzige Unterart, kann der Artbeiname wegfallen: Schwarz-Küchenschelle (oder Schwärzliche Küchenschelle?) statt Schwärzliche Wiesen-Küchenschelle, Kaukasus-Haselwurz statt Kaukasische Europa-Haselwurz.

● Für Verbesserungen dieser Vorschläge und Richtlinien ist der Verfasser (M. A. Fischer) dankbar.

 

Zitiervorschlag:
Fischer M. A., 2015: Einführung in die Taxonomie – Einige Grundbegriffe der Taxonomie, insbesondere Aufklärung häufiger Missverständnisse. – In: Fischer M. A. & al., Burgenlandflora – Die Pflanzenwelt des Burgenlands Online. – Eisenstadt: Naturschutzbund Burgenland. http://burgenlandflora.at/einfuehrung-in-die-taxonomie/ (aufgerufen am XX.YY.ZZZZ)